Alexander-Newski-Gedaechtniskirche (3)

Nicht weit vom Bornstedter Feld steht die Russisch Orthodoxe Kirche Alexandrowka. Im 3. Teil des Artikels „Potsdams russische Wurzeln“ aus dem Magazin „Der Potsdamer“ erfahren wir ihre Entstehungsgeschichte:

EINE KIRCHE FÜRS DORF

Potsdams russische Wurzeln: Teil 3

Beitrag im Magazin „Der Potsdamer“ vom 3.12.2020
Quelle und LInk zum vollständigen Beitrag : Der-Potsdamer.de

Hoch oben auf den Kapellenberg steht sie, die kleine russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Gedächtniskirche in ihrem rosafarbenen Gewand. Auf dem Dach des quadratischen Gebäudes, das genau wie die Kolonie Alexandrowka zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, befindet sich ein Tambour mit der typischen russischen Kuppel, die an die Form einer Zwiebel erinnert. Märchenhaft, klein und sogar etwas mysteriös ist sie wohl jedem in Erinnerung. Doch wohl die wenigsten haben jemals einen Blick hinein geworfen, um zu sehen, was in ihr steckt und welche Geschichten sie erzählt.Die Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurde in den 1990er Jahren umfangreich saniert

Die Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurde in den 1990er Jahren umfangreich saniert

WIE DIE KIRCHE NACH POTSDAM KAM

Die Geschichte der russisch-orthodoxen Gemeinde in Potsdam ist viel älter als man vielleicht vermuten mag. Bereits im Jahr 1718 kamen die legendären Langen Kerls, eine 55-Mann starke Truppe, die für den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. bestimmt war, aus dem russischen Zarenreich unter Zar Peter I. nach Potsdam und gründeten eine religiöse Gemeinschaft. Der erste Standort der Gemeinde, der sich in der Bäckerstraße, Ecke Lindenstraße, befunden haben soll, war aber nur ein vorübergehendes Domizil, das wegen eines Umbaus aufgegeben werden musste.
Etwa 110 Jahre später befand Friedrich Wilhelm III., dass eine russisch-orthodoxe Kirche zu dem kurz zuvor entstandenen kleinen Dorf, der Kolonie Alexandrowka, dazugehörte. Wie auch bei der Errichtung der Kolonie selbst, war es sein Ziel, mit dem Bau der Kirche einen symbolischen Mehrwert zu hinterlassen.
Mit den Plänen des im Zarenreich bekannten Architekten Wassilij Petrowitsch Strassow (1769 – 1848) ging es dann mit späterer Unterstützung von Karl Friedrich Schinkel ab September 1826 an den Bau der Kirche. Der Kirchenbau stellte für die damalige Zeit in Preußen eine architektonische Besonderheit dar, weshalb Friedrich Wilhelm III. bei der Grundsteinlegung am 11. September 1826 in großer Erwartung dabei gewesen sein soll. Weil sich der Bau der Kirche aufgrund von architektonischen Schwierigkeiten verzögerte, wurde sie erst 1829 fertiggestellt – also etwa zwei Jahre nach der Kolonie. Zuvor musste auf dem Kapellenberg, den man vor dem Bau der Kolonie Alexandrowka und der Kirche noch Minenberg nannte, bauvorbereitende Maßnahmen durchgeführt werden. Benannt wurde die Kirche nach dem Heiligen Alexander Jaroslawitsch Newski. Zusätzlich wollte man an Zar Alexander I. erinnern. Im Juli 1829 wurde dann der erste Gottesdienst in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm III. und des Zaren Nikolaus I., Nachfolger und zugleich Bruder von Alexander I., abgehalten. Mit dieser Veranstaltung war das künstlerische Werk vom preußischen König, der Zeit seines Lebens seine Energie und sein Tun in den Frieden und den Zusammenhalt mit Russland buchstäblich in Stein gemeißelt. So wurde die Erinnerung an den kurz zuvor verstorbenen Zar Alexander I., der politischer Wegbegleiter und Freund des Königs war, geschaffen und für alle folgenden Generationen erhalten.Erzdiakon Anatolij Koljada (in der Kirche)

Erzdiakon Daniel Koljada (in der Kirche)

DAS RUSSISCH-PREUSSISCHE BAUPROJEKT

Die innere Kantenlänge der quadratischen Vierung beträgt etwa 9,30 m. Im Inneren hat die Kirche eine Höhe etwa 18,40 m bis zur Zentralkuppel. Die im klassizistischen Stil erbaute Alexander-Newski-Gedächtniskirche weist nicht nur viele interessante architektonische Merkmale auf, sondern stellt auch zugleich den ältesten orthodoxen Kirchenbau in Westeuropa dar. Bis zum 19. Jahrhundert gab es keinen russischen Architekten, der sein Schaffen außerhalb seines Einflussgebietes in Russland so verwirklichen konnte wie Wassilij Petrowitsch Strassow, der nicht nur für die Baupläne der Alexander-Newski-Gedächtniskirche in Potsdam verantwortlich, sondern auch an dem Bau der Desjatin-Kirche in Kiew beteiligt war. Somit besitzt die Landeshauptstadt Potsdam ein einzigartiges kleines Stück Russland auf dem heutigen Kapellenberg. Doch auch wenn die Kirche ein freistehendes und in seiner Art einmaliges Gebäude ist, gehört sie doch zum Ensemble der Kolonie Alexandrowka.
Den Gebäudetypus bezeichnet man als Kreuzkuppelkirche, den man seit etwa dem 9. Jahrhundert bei orthodoxen Kirchen findet. Auf dem Dach erblickt man die zuvor genannten fünf Kuppeln – eine mittige große Kuppel und vier kleinere Kuppeln an den jeweiligen Ecken. Am Ende der Kirche lässt sich ein kleiner halbkreisförmiger Bereich in der quadratischen Form erkennen, der im inneren dem Altarraum dient und als Apsis bezeichnet wird. Die in der russisch-orthodoxen Kirche verwendeten und typischen Ikonen sind unter anderem auch an den Außenwänden der Kirche zu sehen. Man findet die auf Lavastein gemalten Konterfeis einiger Schutzheiliger über den Torbögen. An der Nordseite der Außenfassade das Abbild von Theodor Stratelates († 319), der als berühmter Heerführer und als Schutzheiliger in die Geschichte einging. Zudem findet man auf der Westseite eine Ikone von Christus dem Erlöser, dessen Geschichte und Hintergrund wohl jedem bekannt sind. Auch eine Ikone von Alexander Newski selbst gibt es über dem südlichen Portal zu entdecken.

EIN BESONDERER FRIEDHOF

Um die kleine Kirche herum befinden sich einige Gräber, die dort angelegt wurden, lange bevor es den benachbarten Friedhof gab. Dort wurden Personen begraben, die zu ihren Lebzeiten besonders eng mit der russisch-orthodoxen Kirche in Potsdam verbunden waren. Mit 1838 wird hier das älteste Grab datiert. Die Bewohner der Kolonie Alexandrowka wurden trotz ihrer religiösen Zugehörigkeit nicht auf diesem Friedhof begraben, sondern fanden in der Stadt Potsdam auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Allerdings findet man dort nur noch wenige dieser Gräber. Der kleine Friedhof mit seinem eisernen Zaun und den kleinen steinernen Säulen an den Enden des Zaunes, die die typischen Kuppeln in Zwiebelform besitzen, wurden von Karl Friedrich Schinkel entworfen. Betritt man die Kirche durch den Haupteingang und begibt sich in den Gemeinderaum (Naos), ist man zunächst durch die Imposanz einer aus Ikonen bestehenden Bilderwand (Ikonostas) überwältigt, der von Karl Friedrich Schinkel baulich mitgestaltet wurde. In der Mitte des Ikonostas befindet sich eine Tür, die fast ausschließlich zu Gottesdiensten geöffnet wird und hinter der sich der Altarraum befindet. Nur während der Osterwoche bleibt diese Tür durchgehend geöffnet.Das ehemalige Königlichen Teehaus wird heute vom Erzpriester bewohnt

Das ehemalige Königlichen Teehaus wird heute vom Erzpriester bewohnt

EIN TEEZIMMER FÜR DEN KÖNIG

Nur wenige Meter von der Kirche entfernt befindet sich ein zweistöckiges Haus, das auch als königliches Landhaus genutzt und 1827 fertiggestellt wurde. Sein Äußeres unterscheidet sich von dem der anderen Häuser in der Kolonie Alexandrowka deutlich. Die Fassade besteht aus glatten Bohlen, die ursprünglich ockerfarben gestrichen waren. Außerdem ist die innere Raumaufteilung eine andere. Die Zimmer sind weitaus geräumiger. In der oberen Etage befindet sich das ehemalige Teezimmer des Königs, in dem er alleine oder zusammen mit seinen Gästen zum Teetrinken in traditioneller russischer Atmosphäre verweilte. Zur Ausstattung dieses Zimmers gehörte unter anderem ein Samowar, ein traditioneller russischer „Wasserkocher“ der der Teezubereitung dient sowie ein Teeservice aus Russland, das mit zeitgenössischen russischen Motiven gestaltet gewesen sein soll. Auch für die Gäste war ein extra Teeservice vorhanden, das allerdings aus preußischer Produktion stammte. Im September 1839 besuchte Friedrich Wilhelm III. das letzte Mal das Teezimmer, nachdem er an einem Gottesdienst in der Kirche teilnahm. Eine nicht historisch belegte Anekdote besagt, dass an diesem Tag die russischen ‚Sänger-Soldaten‘, die damaligen Bewohner der Kolonie Alexandrowka, russische Lieder zum Besten gegeben haben sollen, während er im Teezimmer seinen Tee genoss. Da sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV., das Zimmer seltener nutzte, verblassten die Erinnerung allmählich, und langsam geriet auch die Begeisterung für den großen Verbündeten im Osten Europas in Vergessenheit. Später wohnte in dem Teehaus bis etwa 1853 der Kirchenaufseher. In der darauffolgenden Zeit wurde das Haus durch verschiedene Personen bewohnt und stand sogar ab Ende der 1970er Jahren leer. Seit 1986 bewohnt der Erzpriester der Kirche, Anatolij Koljada, das Haus.

GEGENWART UND ZUKUNFT

Die 1977 restaurierte und von 1991 bis 1995 mit Hilfe von Landesmitteln und Mitteln der Landeshauptstadt Potsdam sanierte Alexander-Newski-Gedächtniskirche ist nicht allein nur ein Kunstwerk, das einem preußischen König zum Symbolisieren von Landesbeziehungen diente. Noch heute kann man die lebendige Geschichte dieses Ortes erleben, sobald man die Kirche betritt. Schon nach dem ersten Schritt hinein spürt man eine ausgeglichene Ruhe. Es dominiert ein leicht gedämpften Licht im Innenraum, der ruhig und angenehm kühl ist. Um einen herum findet man zahlreiche Ikonen, den prachtvollen und den mit goldenen Verzierungen versetzten Ikonostas sowie einige längliche leicht flackernde Kerzen, die den Raum in ein besonderes Licht tauchen und ihn mit einem angenehmen Duft erfüllen. Wenn die Kirche für Besucher außerhalb der Gottesdienste geöffnet ist, werden im Gemeinderaum leise russische Kirchengesänge gespielt. Sitzbänke zum Verweilen sucht man vergebens, denn in der russisch-orthodoxen Kirche wird während eines Gottesdienstes gestanden. Die wenigen Stühle sind nur für Schwache und Kranke vorgesehen. Regelmäßig werden hier Gottesdienste abgehalten, zu denen die Zarentür zum Altarraum geöffnet wird. Der Gottesdienst selbst ist von starker Symbolkraft geprägt.
Neben regelmäßigen Veranstaltung wird die Kirche auch für Hochzeiten und andere Anlässe genutzt. Da es für die russisch-orthodoxe Kirche keine Kirchensteuer gibt, finanziert sich diese hauptsächlich durch Spenden und freiwillige Beiträge.
Eine genaue Zahl von Gemeindemitglieder gibt es nicht, weil keine offiziellen Zählungen erhoben werden. „Unsere Gemeinde führt eine freiwillige Liste, wo sich Leute eintragen können und wir haben derzeit über 800 eingetragene Mitglieder“ erklärt der Erzdiakon der Kirche, Daniel Koljada, im Gespräch mit dem POTSDAMER. Da nur etwa 50 Menschen in der Kirche Platz finden, wurde beschlossen, dass zukünftig ein neues Gemeindezentrum gebaut werden soll, um dem Gemeindeleben einen Raum zu bieten. Dafür existiert auch bereits ein neues Grundstück, das nur wenige Meter von der Kirche entfernt ist und schon im September 2019 von Erzbischof Tichon von Podolsk geweiht wurde. Obwohl es ein Grundstück gibt und die Pläne eines Architekten bereits vorliegen, ist der genaue Baustart noch nicht bekannt. „Jetzt sind wir in der Phase der Baugenehmigungsplanung. Der Bauantrag ist schon eingereicht, aber wir warten noch auf die Antwort“, sagt Daniel Koljada.

Heute ist die historische Alexander-Newski-Gedächtniskirche zusammen mit der gesamten Kolonie Alexandrowka ein lebendiger Bestandteil der Stadt Potsdam, der zeigt, dass wir eine tiefe historische Verbindung zu unserem großen Nachbarn Russland haben. Die gesamte Anlage entstand einst aus der Verbundenheit Preußens und Russlands und sie wird auch heute noch durch diese erhalten. Mit den Plänen für das neue Gemeindezentrum sehen wir, dass die Geschichte noch lange Bestand haben und sich weiterentwickeln wird.

kb

Quelle und Link zum vollständigen Beitrag einschließlich Bilder:
Der-Potsdamer.de/Eine-Kirche-fuers-Dorf/

Mit freundlicher Genehmigung durch:
POTSDAMER – Magazin der Havelregion
Herausgeber: Steve Schulz (V.i.S.d.P.)

Links zu den bisherigen Beiträgen:
Potsdams russische Wurzeln Teil 1: Der vergessene Freund
Potsdams russische Wurzeln Teil 2: Kolonie Alexandrowka
Potsdams russische Wurzeln Teil 3: Eine Kirche fürs Dorf
Potsdams russische Wurzeln Teil 4: Leben wie vor 200 Jahren
Potsdams russische Wurzeln Teil 5: Erzdiakon Daniel Koljada
Potsdams russische Wurzeln Teil 6: Erzdiakon Daniel Koljada