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Straßennamen im Bornstedter Feld (CCH)

Titelbild: Carl Christian Horvath um 1820 Quelle: Rochow-Museum Reckahn

Carl Christian Horvath

Carl Christian Horvath wurde 1752 in Wittenberg geboren. Nach dem Besuch der Stadtschule trat er mit 14 Jahren eine Buchhändlerlehre in seiner Heimatstadt an. Bereits als 16-Jähriger wurde er von seinem Lehrmeister zum ersten Mal zur Messe geschickt, die er von da an bis in sein hohes Alter hinein regelmäßig besuchte. In Leipzig wurde der Buchhändler Joachim Pauli aus Berlin auf ihn aufmerksam und engagierte ihn als Gehilfen.

Nach Heirat mit der Stieftochter seines Prinzipals machte sich Horvath 1778 in Potsdam selbständig. Er übernahm von seinem Schwiegervater einen bis dahin wenig florierenden Verlag und gründete daraus die Horvath´sche Buch-, Kunst-, und Musikaliensammlung mit Leihbibliothek in Potsdam, die sich bald erfolgreich entwickelte und dem er ein umfangreiches Sortimentsgeschäft angliederte.

»Ich eröffnete nun«, so erzählt Horvath in seiner hinterlassenen Selbstbiographie, »einen Laden zugleich mit einer Lesebibliothek von 500 Bänden. Weil aber die Truppen zu der Zeit ausmarschiert waren, erschienen die Aussichten niederschlagend. Mein edler Freund Dickow (ein ihm befreundeter Kaufmann) war, als ich den Laden öffnete, der erste, der zu mir herüberkam, indem er sagte: »Ich muß der Erste sein, der Ihnen Handgeld bringt,« und er kaufte mir für 7 Thlr. 16 Gr. ab. – Wer war glücklicher als ich? – Die erste Sorge war gehoben! Nachher erhielt ich nochmals 7 Thlr. 16 Gr. von einem Herrn Schmidt aus Bornstedt, und so wurde ich aus meiner peinlichen Lage gerissen. Meine Einnahme im Juli belief sich auf 99 Thlr. 23 Gr. 1 Pfg. Mit Vertrauen auf die Vorsehung besorgte ich mein kleines Geschäft und hatte die Freude, daß es sich mit jedem Monat etwas vermehrte.“

Bis 1835 führte der nun hochbetagte Carl Christian Horvath seine Geschäfte in Potsdam. Durch beharrliche Arbeit wurde ihm viel Achtung entgegengebracht, so dass man ihn 1809 zum ersten Stadtverordnetenvorsteher Potsdams wählte und er von 1811 bis 1817 als Stadtrat im Magistrat Potsdams wirkte.

Das besondere Verdienst Horvaths ist die Gründung der Buchhändlerbörse zu Leipzig. Er mietete einen Raum, in dem er auswärtigen Buchhändlern gegen ein Eintrittsgeld Gelegenheit gab, ihre Abrechnungen während der Messe durchzuführen. Sehr bald wurde diese „Buchhändler-Börse“ zu einer allgemein genutzten und unentbehrlichen Einrichtung der Buchhändlermesse.

Das war 1824 die Grundlage für die Gründung des Börsenvereins der deutschen Buchhändler. In der Ostermesse 1825 wurde erstmals ein Börsenvorstand gewählt und Horvath zum Ehren-vorsitzenden ernannt.

Er starb 1837 in Potsdam und wurde auf dem Alten Friedhof beerdigt.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Christian_Horvath

Wacker, Annemarie, „Horvath, Carl Christian“
in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 647
[Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd128874619.html#ndbcontent

http://www.zeno.org/nid/20011436131

Petra Schaefer

Lockdown bis 28.3. – aber …

AKTUELLE LINKS ZU
Corona-Updates für Potsdam: www.Potsdam.de/Corona-Updates…
Informationen zu Corona: www.Potsdam.de/Informationen…
Verordnungen der Landesregierung: kkm.Brandenburg.de
Startseite Landesregierung Brandenburg: www.Brandenburg.de
COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit: www.rki.de

Kabinett verständigt sich über Öffnungsschritte: Siebte SARS-CoV-2 Eindämmungsverordnung soll morgen beschlossen werden

Zu den Ergebnissen der Kabinettssitzung teilt Regierungssprecher Florian Engels mit:

veröffentlicht am 05.03.2021

Der Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie wird grundsätzlich bis zum 28. März verlängert. Es erfolgen aber zugleich erste Öffnungsschritte. Darüber hat heute das Kabinett beraten. Die notwendige neue Verordnung soll morgen vom Kabinett beschlossen werden, am Montag, 8. März 2021, in Kraft treten und bis zum 28. März 2021 gelten (siebte SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung). Damit setzt Brandenburg die Rahmenvereinbarung der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) mit der Bundeskanzlerin vom Mittwoch in Landesrecht um.

Die wichtigsten Punkte sind:

  • Private Zusammenkünfte sind mit dem eigenen Haushalt und einem weiteren Haushalt möglich, jedoch auf maximal fünf Personen beschränkt. Kinder bis 14 werden dabei nicht mitgezählt.
  • Schule: Für die Klassen 1 bis 6 in der Primarstufe begann der Unterricht bereits am 22. Februar 2021 im Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht. Ab dem 15. März 2021 erfolgt der Unterricht dann auch an den weiterführenden allgemeinbildenden Schulen, den Oberstufenzentren, den Schulen des Zweiten Bildungswegs sowie an den Förderschulen „Lernen“, „Körperliche und motorische Entwicklung“, „Sehen“ und „Hören“ im Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht.
  • Der bisher von der Schließungsanordnung betroffene Einzelhandel kann für Termin-Shopping-Angebote („Click & Meet“) öffnen. Dies wird jedoch auf eine Kundin / einen Kunden bzw. einen Hausstand pro angefangene 40 Quadratmeter Verkaufsfläche begrenzt. Notwendig: Vorherige Terminbuchung und Kontaktnachverfolgung.
  • Baumärkte können öffnen.
  • Für Gartenmärkte und Floristikbetriebe entfällt die 50-Prozent-Regel zur Außenverkaufsfläche. Dies ist insbesondere für kleinere Blumenläden wichtig.Körpernahe Dienstleistungen wie zum Beispiel Kosmetik-, Tattoo- und Sonnenstudios können unter Auflagen öffnen. Sofern keine Maske getragen werden kann, müssen Kundinnen und Kunden einen tagesaktuellen bestätigten negativen COVID-19 Schnelltest vorweisen oder vor Ort einen Selbsttest machen.
  • Auf allen Sportanlagen unter freiem Himmel ist kontaktfreier Sport mit bis zu zehn Personen in dokumentierten Gruppen erlaubt. Für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren ist gemeinsamer Sport in einer Gruppe bis zu 20 Personen (zuzüglich Aufsichtspersonal) gestattet.Museen, Gedenkstätten, Galerien, Planetarien, öffentliche Bibliotheken können unter Auflagen (z.B. vorherige Terminvergabe) öffnen.
  • Notbremse: Übersteigt die 7-Tage-Inzidenz für mindestens drei Tage in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt den Wert von 200 werden wieder schärfere Kontaktbeschränkungen und Maßnahmen festgesetzt.

Ministerpräsident Dietmar Woidke:„Es ist gut, dass wir heute erste Lockerungen beschließen konnten. Das haben viele Bürgerinnen und Bürger zu recht erwartet. Und nur durch Verlässlichkeit erreichen wir Akzeptanz. Das ist die Grundvoraussetzung, damit wir gemeinsam aus der Pandemie kommen. Wir befinden uns im Spagat zwischen konsequentem Gesundheitsschutz aufgrund der steten Gefahr steigender Infektionen und den nach meiner Ansicht notwendigen Lockerungen. Die Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmer, die Gastronomen, die Künstler – sie alle brauchen eine Perspektive. Aber es wäre falsch, jetzt alles komplett aufzumachen und damit in eine große dritte Welle zu provozieren. Grundsätzlich bleibt es notwendig, dass sich alle an die bestehenden Hygieneregeln halten. Das ist in Verbindung mit der künftig stark steigenden Zahl an Impfungen entscheidend im Kampf gegen die Pandemie und für die ersehnten Öffnungsschritte. Das vom Bund angekündigte umfangreiche Testprogramm ist hilfreich, um Infektionsketten schnell brechen zu können. Wichtig ist, dass der Bund seine Zusagen einhält und die erforderlichen Testkapazitäten verfügbar sind.“

Quelle und Link zum vollständigen Beitrag: www.Brandenburg.de

Alexander-Newski-Gedaechtniskirche (3)

Nicht weit vom Bornstedter Feld steht die Russisch Orthodoxe Kirche Alexandrowka. Im 3. Teil des Artikels „Potsdams russische Wurzeln“ aus dem Magazin „Der Potsdamer“ erfahren wir ihre Entstehungsgeschichte:

EINE KIRCHE FÜRS DORF

Potsdams russische Wurzeln: Teil 3

Beitrag im Magazin „Der Potsdamer“ vom 3.12.2020
Quelle und LInk zum vollständigen Beitrag : Der-Potsdamer.de

Hoch oben auf den Kapellenberg steht sie, die kleine russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Gedächtniskirche in ihrem rosafarbenen Gewand. Auf dem Dach des quadratischen Gebäudes, das genau wie die Kolonie Alexandrowka zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, befindet sich ein Tambour mit der typischen russischen Kuppel, die an die Form einer Zwiebel erinnert. Märchenhaft, klein und sogar etwas mysteriös ist sie wohl jedem in Erinnerung. Doch wohl die wenigsten haben jemals einen Blick hinein geworfen, um zu sehen, was in ihr steckt und welche Geschichten sie erzählt.Die Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurde in den 1990er Jahren umfangreich saniert

Die Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurde in den 1990er Jahren umfangreich saniert

WIE DIE KIRCHE NACH POTSDAM KAM

Die Geschichte der russisch-orthodoxen Gemeinde in Potsdam ist viel älter als man vielleicht vermuten mag. Bereits im Jahr 1718 kamen die legendären Langen Kerls, eine 55-Mann starke Truppe, die für den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. bestimmt war, aus dem russischen Zarenreich unter Zar Peter I. nach Potsdam und gründeten eine religiöse Gemeinschaft. Der erste Standort der Gemeinde, der sich in der Bäckerstraße, Ecke Lindenstraße, befunden haben soll, war aber nur ein vorübergehendes Domizil, das wegen eines Umbaus aufgegeben werden musste.
Etwa 110 Jahre später befand Friedrich Wilhelm III., dass eine russisch-orthodoxe Kirche zu dem kurz zuvor entstandenen kleinen Dorf, der Kolonie Alexandrowka, dazugehörte. Wie auch bei der Errichtung der Kolonie selbst, war es sein Ziel, mit dem Bau der Kirche einen symbolischen Mehrwert zu hinterlassen.
Mit den Plänen des im Zarenreich bekannten Architekten Wassilij Petrowitsch Strassow (1769 – 1848) ging es dann mit späterer Unterstützung von Karl Friedrich Schinkel ab September 1826 an den Bau der Kirche. Der Kirchenbau stellte für die damalige Zeit in Preußen eine architektonische Besonderheit dar, weshalb Friedrich Wilhelm III. bei der Grundsteinlegung am 11. September 1826 in großer Erwartung dabei gewesen sein soll. Weil sich der Bau der Kirche aufgrund von architektonischen Schwierigkeiten verzögerte, wurde sie erst 1829 fertiggestellt – also etwa zwei Jahre nach der Kolonie. Zuvor musste auf dem Kapellenberg, den man vor dem Bau der Kolonie Alexandrowka und der Kirche noch Minenberg nannte, bauvorbereitende Maßnahmen durchgeführt werden. Benannt wurde die Kirche nach dem Heiligen Alexander Jaroslawitsch Newski. Zusätzlich wollte man an Zar Alexander I. erinnern. Im Juli 1829 wurde dann der erste Gottesdienst in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm III. und des Zaren Nikolaus I., Nachfolger und zugleich Bruder von Alexander I., abgehalten. Mit dieser Veranstaltung war das künstlerische Werk vom preußischen König, der Zeit seines Lebens seine Energie und sein Tun in den Frieden und den Zusammenhalt mit Russland buchstäblich in Stein gemeißelt. So wurde die Erinnerung an den kurz zuvor verstorbenen Zar Alexander I., der politischer Wegbegleiter und Freund des Königs war, geschaffen und für alle folgenden Generationen erhalten.Erzdiakon Anatolij Koljada (in der Kirche)

Erzdiakon Daniel Koljada (in der Kirche)

DAS RUSSISCH-PREUSSISCHE BAUPROJEKT

Die innere Kantenlänge der quadratischen Vierung beträgt etwa 9,30 m. Im Inneren hat die Kirche eine Höhe etwa 18,40 m bis zur Zentralkuppel. Die im klassizistischen Stil erbaute Alexander-Newski-Gedächtniskirche weist nicht nur viele interessante architektonische Merkmale auf, sondern stellt auch zugleich den ältesten orthodoxen Kirchenbau in Westeuropa dar. Bis zum 19. Jahrhundert gab es keinen russischen Architekten, der sein Schaffen außerhalb seines Einflussgebietes in Russland so verwirklichen konnte wie Wassilij Petrowitsch Strassow, der nicht nur für die Baupläne der Alexander-Newski-Gedächtniskirche in Potsdam verantwortlich, sondern auch an dem Bau der Desjatin-Kirche in Kiew beteiligt war. Somit besitzt die Landeshauptstadt Potsdam ein einzigartiges kleines Stück Russland auf dem heutigen Kapellenberg. Doch auch wenn die Kirche ein freistehendes und in seiner Art einmaliges Gebäude ist, gehört sie doch zum Ensemble der Kolonie Alexandrowka.
Den Gebäudetypus bezeichnet man als Kreuzkuppelkirche, den man seit etwa dem 9. Jahrhundert bei orthodoxen Kirchen findet. Auf dem Dach erblickt man die zuvor genannten fünf Kuppeln – eine mittige große Kuppel und vier kleinere Kuppeln an den jeweiligen Ecken. Am Ende der Kirche lässt sich ein kleiner halbkreisförmiger Bereich in der quadratischen Form erkennen, der im inneren dem Altarraum dient und als Apsis bezeichnet wird. Die in der russisch-orthodoxen Kirche verwendeten und typischen Ikonen sind unter anderem auch an den Außenwänden der Kirche zu sehen. Man findet die auf Lavastein gemalten Konterfeis einiger Schutzheiliger über den Torbögen. An der Nordseite der Außenfassade das Abbild von Theodor Stratelates († 319), der als berühmter Heerführer und als Schutzheiliger in die Geschichte einging. Zudem findet man auf der Westseite eine Ikone von Christus dem Erlöser, dessen Geschichte und Hintergrund wohl jedem bekannt sind. Auch eine Ikone von Alexander Newski selbst gibt es über dem südlichen Portal zu entdecken.

EIN BESONDERER FRIEDHOF

Um die kleine Kirche herum befinden sich einige Gräber, die dort angelegt wurden, lange bevor es den benachbarten Friedhof gab. Dort wurden Personen begraben, die zu ihren Lebzeiten besonders eng mit der russisch-orthodoxen Kirche in Potsdam verbunden waren. Mit 1838 wird hier das älteste Grab datiert. Die Bewohner der Kolonie Alexandrowka wurden trotz ihrer religiösen Zugehörigkeit nicht auf diesem Friedhof begraben, sondern fanden in der Stadt Potsdam auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Allerdings findet man dort nur noch wenige dieser Gräber. Der kleine Friedhof mit seinem eisernen Zaun und den kleinen steinernen Säulen an den Enden des Zaunes, die die typischen Kuppeln in Zwiebelform besitzen, wurden von Karl Friedrich Schinkel entworfen. Betritt man die Kirche durch den Haupteingang und begibt sich in den Gemeinderaum (Naos), ist man zunächst durch die Imposanz einer aus Ikonen bestehenden Bilderwand (Ikonostas) überwältigt, der von Karl Friedrich Schinkel baulich mitgestaltet wurde. In der Mitte des Ikonostas befindet sich eine Tür, die fast ausschließlich zu Gottesdiensten geöffnet wird und hinter der sich der Altarraum befindet. Nur während der Osterwoche bleibt diese Tür durchgehend geöffnet.Das ehemalige Königlichen Teehaus wird heute vom Erzpriester bewohnt

Das ehemalige Königlichen Teehaus wird heute vom Erzpriester bewohnt

EIN TEEZIMMER FÜR DEN KÖNIG

Nur wenige Meter von der Kirche entfernt befindet sich ein zweistöckiges Haus, das auch als königliches Landhaus genutzt und 1827 fertiggestellt wurde. Sein Äußeres unterscheidet sich von dem der anderen Häuser in der Kolonie Alexandrowka deutlich. Die Fassade besteht aus glatten Bohlen, die ursprünglich ockerfarben gestrichen waren. Außerdem ist die innere Raumaufteilung eine andere. Die Zimmer sind weitaus geräumiger. In der oberen Etage befindet sich das ehemalige Teezimmer des Königs, in dem er alleine oder zusammen mit seinen Gästen zum Teetrinken in traditioneller russischer Atmosphäre verweilte. Zur Ausstattung dieses Zimmers gehörte unter anderem ein Samowar, ein traditioneller russischer „Wasserkocher“ der der Teezubereitung dient sowie ein Teeservice aus Russland, das mit zeitgenössischen russischen Motiven gestaltet gewesen sein soll. Auch für die Gäste war ein extra Teeservice vorhanden, das allerdings aus preußischer Produktion stammte. Im September 1839 besuchte Friedrich Wilhelm III. das letzte Mal das Teezimmer, nachdem er an einem Gottesdienst in der Kirche teilnahm. Eine nicht historisch belegte Anekdote besagt, dass an diesem Tag die russischen ‚Sänger-Soldaten‘, die damaligen Bewohner der Kolonie Alexandrowka, russische Lieder zum Besten gegeben haben sollen, während er im Teezimmer seinen Tee genoss. Da sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV., das Zimmer seltener nutzte, verblassten die Erinnerung allmählich, und langsam geriet auch die Begeisterung für den großen Verbündeten im Osten Europas in Vergessenheit. Später wohnte in dem Teehaus bis etwa 1853 der Kirchenaufseher. In der darauffolgenden Zeit wurde das Haus durch verschiedene Personen bewohnt und stand sogar ab Ende der 1970er Jahren leer. Seit 1986 bewohnt der Erzpriester der Kirche, Anatolij Koljada, das Haus.

GEGENWART UND ZUKUNFT

Die 1977 restaurierte und von 1991 bis 1995 mit Hilfe von Landesmitteln und Mitteln der Landeshauptstadt Potsdam sanierte Alexander-Newski-Gedächtniskirche ist nicht allein nur ein Kunstwerk, das einem preußischen König zum Symbolisieren von Landesbeziehungen diente. Noch heute kann man die lebendige Geschichte dieses Ortes erleben, sobald man die Kirche betritt. Schon nach dem ersten Schritt hinein spürt man eine ausgeglichene Ruhe. Es dominiert ein leicht gedämpften Licht im Innenraum, der ruhig und angenehm kühl ist. Um einen herum findet man zahlreiche Ikonen, den prachtvollen und den mit goldenen Verzierungen versetzten Ikonostas sowie einige längliche leicht flackernde Kerzen, die den Raum in ein besonderes Licht tauchen und ihn mit einem angenehmen Duft erfüllen. Wenn die Kirche für Besucher außerhalb der Gottesdienste geöffnet ist, werden im Gemeinderaum leise russische Kirchengesänge gespielt. Sitzbänke zum Verweilen sucht man vergebens, denn in der russisch-orthodoxen Kirche wird während eines Gottesdienstes gestanden. Die wenigen Stühle sind nur für Schwache und Kranke vorgesehen. Regelmäßig werden hier Gottesdienste abgehalten, zu denen die Zarentür zum Altarraum geöffnet wird. Der Gottesdienst selbst ist von starker Symbolkraft geprägt.
Neben regelmäßigen Veranstaltung wird die Kirche auch für Hochzeiten und andere Anlässe genutzt. Da es für die russisch-orthodoxe Kirche keine Kirchensteuer gibt, finanziert sich diese hauptsächlich durch Spenden und freiwillige Beiträge.
Eine genaue Zahl von Gemeindemitglieder gibt es nicht, weil keine offiziellen Zählungen erhoben werden. „Unsere Gemeinde führt eine freiwillige Liste, wo sich Leute eintragen können und wir haben derzeit über 800 eingetragene Mitglieder“ erklärt der Erzdiakon der Kirche, Daniel Koljada, im Gespräch mit dem POTSDAMER. Da nur etwa 50 Menschen in der Kirche Platz finden, wurde beschlossen, dass zukünftig ein neues Gemeindezentrum gebaut werden soll, um dem Gemeindeleben einen Raum zu bieten. Dafür existiert auch bereits ein neues Grundstück, das nur wenige Meter von der Kirche entfernt ist und schon im September 2019 von Erzbischof Tichon von Podolsk geweiht wurde. Obwohl es ein Grundstück gibt und die Pläne eines Architekten bereits vorliegen, ist der genaue Baustart noch nicht bekannt. „Jetzt sind wir in der Phase der Baugenehmigungsplanung. Der Bauantrag ist schon eingereicht, aber wir warten noch auf die Antwort“, sagt Daniel Koljada.

Heute ist die historische Alexander-Newski-Gedächtniskirche zusammen mit der gesamten Kolonie Alexandrowka ein lebendiger Bestandteil der Stadt Potsdam, der zeigt, dass wir eine tiefe historische Verbindung zu unserem großen Nachbarn Russland haben. Die gesamte Anlage entstand einst aus der Verbundenheit Preußens und Russlands und sie wird auch heute noch durch diese erhalten. Mit den Plänen für das neue Gemeindezentrum sehen wir, dass die Geschichte noch lange Bestand haben und sich weiterentwickeln wird.

kb

Quelle und Link zum vollständigen Beitrag einschließlich Bilder:
Der-Potsdamer.de/Eine-Kirche-fuers-Dorf/

Mit freundlicher Genehmigung durch:
POTSDAMER – Magazin der Havelregion
Herausgeber: Steve Schulz (V.i.S.d.P.)

Links zu den bisherigen Beiträgen:
Potsdams russische Wurzeln Teil 1: Der vergessene Freund
Potsdams russische Wurzeln Teil 2: Kolonie Alexandrowka
Potsdams russische Wurzeln Teil 5: Erzdiakon Daniel Koljada

Straßennamen im Bornstedter Feld (GH)

Das Bornstedter Feld

Das Bornstedtter Feld ist heute als Neubaugebiet bekannt. Seine Entstehung hat eine lange Geschichte hinter sich. Friedrich der II. hat um 1750 festgelegt, dass die jeweils ungenutzten Felder der damals üblichen Dreifelderwirtschaft als Exerzierplatz verwendet wurden. Das galt zunächst für alle Felder der Gemeinde Bornstedt. Eine sehr belastende Festlegung für die Bauern und die Soldaten. Friedrich Wilhelm der IV. hat deshalb Landwirtschaft und Exerzierplatz mit einem geraden Strich auf der Landkarte getrennt. Die neue Straße von der Jägerallee nach Bornstedt wurde mit kanadischen Pappeln bepflanzt (1841/42), seitdem heißt sie Pappelallee. 1935 wurden Bornim, Bornstedt, Nedlitz und Eiche nach Potsdam eingemeindet. 1945 bis zum Abzug 1993 nutzte die sowjetische Armee das Bornstedter Feld nördlich der Pappelallee militärisch. Für Potsdamer war es während dieser Zeit nicht zugänglich. 1991 beschloß die Stadt Potsdam, nach Abzug der Roten Armee diese etwa 300 Hektar große militärische Brache für die Entwicklung eines neuen Stadtteils zu nutzen. Das Neubaugebiet „Bornstedter Feld“ war geboren!

Von der Pappelalle in Richtung Norden durchstreift die Georg-Hermann-Allee das Neubaugebiet, gequert von Jakob-von-Gundling-Straße, Bartholomäus-Neumann-Straße, Carl-Christian-Horvath-Straße, Kiepenheuerallee, Jochen-Klepper-Straße, Reinhold-Schneider-Straße, Herman-Kasack-Straße, Esplanade, Peter-Huchel-Straße, Hans-Paasche-Straße, Erich-Arndt-Straße und Bonner Straße.

Georg Hermann

(* 7. Oktober 1871, + 19. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Ein deutscher Schriftsteller, geboren in Berlin als sechstes Kind einer jüdischen Familie. Seine bekanntesten Romane sind Jettchen Gebert (1906) und Henriette Jacoby. Sie erzählen berliner Geschichten von jüdischen Familien. 1911 wurden wurden sie in dem zweiteiligen Stummfilm Jettchen Geberts Geschichte von Richard Oswald verfilm. Nach dem Reichstagsbrand 1933 geht Hermann ins Exil nach Holland. Dort wird er 1943, nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht, auf Umwegen in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und getötet.

Bartolomäus Neumann

(* unbekannt, + 10. Mai 1742)

Buchdrucker und Verleger, bemerkenswert, er erhielt als erster von Friedrich Wilhelm I. die Konzession für eine Buchdruckerei in Potsdam. Neumann verlegte unter anderem Gundlings Brandenburgischen Atlas (1724).

Quellenverzeichnis:

1 Geschichte Bornstedter Feld: https://de.wikipedia.org/wiki/Bornstedt_(Potsdam)

2 Beschluß zu Neubaugebiet Bornstedter Feld: https://www.potsdam.de/bornstedter-feld

3 Lebenslauf Georg Hermann: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Hermann

4 Geschichte der Romane Jettchen Gebert und Henriette Jacoby:
https://de.wikipedia.org/wiki/Jettchen_Geberts_Geschichte

5 Bartholomäus Neumann
 https://www.zeitstimmen.de/index.php?page=autor&is_autor=2309

Karl-Heinz Daum

Potsdams russische Wurzeln (2)

Teil 2: Der vergessene Freund

Willkommen und Здравствуйте werte Leserinnen und Leser. Der POTSDAMER begrüßt Sie zum zweiten Teil der Suche nach den russischen Wurzeln in Potsdam. Im ersten Teil führte uns die historische Reise zu den Ursprüngen der preußisch-russischen Beziehungen und zur Planung und Errichtung der Kolonie Alexandrowka. Die kleinen, schon fast verzaubert wirkenden Häuser im russischen Blockhausstil erstrahlen in jenen Tagen des Jahres 1826 in ihrer voller Schönheit als neuester architektonisches Element der Stadt Potsdam. Nun fehlte nur noch ein wichtiger Bestandteil – die Bewohner. Doch dieses Problem sollte Friedrich Wilhelm III. bald lösen.

DIE KLEINE MOGELPLACKUNG

Die hauptsächlich aus Kiefern- und Eichenholz errichteten Häuser versammelten zunächst eine Schar an Arbeitern um sich, die nicht nur mit reiner Kraft, sondern auch mit ihrem technischen und fachlichen Know-how das Bauvorhaben des Königs Friedrich Wilhelm III. realisieren sollten. Seine Vision von einem Kunstdorf im russischen Stil in Potsdam, zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Freundes und politischen Wegbegleiters, Zar Alexander I., sollte Realität werden. Die Geschwindigkeit, in der der Bertiggestellt wurde, ist auch aus heutiger Sicht beeindruckend, denn von der Planung bis zur fertigen Errichtung der gesamten Anlage brauchte an nur knapp ein Jahr. Unter anderem waren an der Fertigstellung der 13 Häuser 54 Tischler und Zimmerleute aus Potsdam und Berlin beteiligt sowie 44 Männer, die eigentlich dem preußischen Militär angehörten und die die Bauarbeiten mit ihrer Kraft unterstützen sollten. Das Ergebnis ihrer harten Arbeit waren zweigeschossige Häuser mit nicht nutzbaren Balkons, die die russischen Originale imitieren sollten und für diesen Zweck angebracht wurden.
An der Oberseite der Fassade des Daches befestigte man gemusterte Zierleisten im russischen Stil. Der rechteckige Grundriss teilt sich in vier quadratische und zwei rechteckige Zimmer auf. Das Fundament besteht aus einem gemauerten Ziegelgrund. Der Eindruck, dass es sich hierbei um Blockhäuser handelt, trügt. Man befestigte schlichtweg Rundbohlen an den Außenseiten des Fachwerkes. So konnte man die in Preußen unbekannte Bauweise russischer Blockhäuser zumindest imitieren und mit geläufigen und bekannten Bautechniken verbinden, denn die russischen Originale, die man zu dieser Zeit im Zarenreich fand, bestanden nicht aus dem besagten Holzfachwerk, sondern waren reine Blockhäuser – ein Baustil, der für hiesige Architekten fremd und daher schwierig zu realisieren war.

Der Fachwerk-Skelettbau eines russischen Hauses in der Kolonie Alexandrowka. Fotos: kb

Kaum war die Kolonie komplett errichtet, so musste man erste Zugeständnisse machen. Da waren zum einen die Fenster, die im Verhältnis zu den Häusern viel zu klein waren. Um den Eindruck und das Aussehen russischer Blockhäuser nicht zu verlieren, beließ man sie absichtlich klein. Die Folge war, dass weder genügend Luft noch Sonnenlicht eindringen konnte.
Diese Gegebenheit war den Baumeistern wohl bekannt, wurde aber auf Wunsch des Königs nicht bautechnisch verändert, da das Erscheinungsbild und nicht die Funktion im Vordergrund stand. Zudem waren nicht alle Zimmer beheizbar, was für den Winter natürlich problematisch war. Das lag an der Tatsache, dass es nur einen Ofen gab, der sich in der Küche befand und nur für ein weiteres anliegendes Zimmer als Spender für Wärme ausreichte.
Der König verlangte nach einer Anlage mit Aussagekraft. Die Kolonie sollte von symbolischem Wert sein und nicht von praktischem. Der Meinung des Königs zufolge sollte sie von den ruhmreichen Tagen der gemeinsamen Kämpfe gegen Napoleon erzählen, an die Freundschaft beider Länder erinnern sowie die Ehrerbietung dem russischen Zaren Alexander I. gegenüber zeigen.

Alexander I und Friedrich Wilhelm III (v.l.)

WARUM DIE SÄNGER NICHT SANGEN

In der Geschichte der brandenburgischen Hauptstadt gibt es einen sich oft stark wiederholenden Irrglaube. Des Öfteren liest man, dass die Kolonie direkt für die zwölf russischen Sänger des Garderegimentes aus dem Kampf gegen Napoleon, welche noch in Potsdam lebten, erbaut wurde. Jene sollen in Potsdam verblieben sein und fortan Alexandrowka ihr Zuhause genannt und die Häuser als Geschenk erhalten haben. Leider wird hier nur die halbe Wahrheit erzählt, die manch kleiner Taschenbuch-Reiseführer nicht in seiner Fülle erfassen und wiedergeben kann. Das lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Geschichte der Alexandrowka nach dem Prinzip der stillen Post verbreitet wurde. „Der eine schreibt vom anderen ab und verdreht dabei den einen oder anderen Fakt. Das kann in der nicht wissenschaftlichen Literatur vorkommen“, erklärt der ehemalige Stadtkonservator der Landeshauptstadt Potsdam Andreas Kalesse dem POTSDAMER gegenüber. „Dazu kommt, dass der preußische König allgemein eine unglückliche Ausdrucksweise hatte. Er galt nicht gerade als rhetorisch begabt“, fügt Kalesse hinzu. Das hat vermutlich zu der berühmten Verdrehung geführt, die heute noch oft zitiert wird. „Friedrich Wilhelm III. betonte immer, dass die Alexandrowka primär ein Symbol der Partnerschaft und Freundschaft beider Länder und beider Staatsherren sei. Die zwölf russischen ‚Sänger-Soldaten‘ waren noch in Potsdam nach dem Krieg gegen Napoleon eher zufällig verblieben. Ihnen wurden vom König die neuen Häuser als Wohnort zugewiesen, um sich dort als ‚authentische Bevölkerung‘ vorzustellen. So sah es zumindest der König vor, sagt Kalesse.

Auch soll der Begriff ‚Sänger‘ für die russischen Herren zu weit gegriffen sein, denn ihre Auftritte beschränkten sich auf etwa zwei bis drei Male bei Hofe. Die zwölf Herren aus Russland waren zwar in der Kunst des Kriegs geschult, hatten aber nie eine künstlerische Ausbildung genossen, die ihnen das Singen gelehrt hätte. Vielmehr sangen sie russische Volkslieder auf Wunsch des Königs, der im Gegensatz zu anderen Zuhörern bei Hofe wohl der einzige gewesen sein mochte, dem diese Darbietungen gefallen haben.
Die Sänger-Soldaten lebten in der Kolonie Alexandrowka, aber von russischer Dorfromantik und Leben im Idyll waren sie weit entfernt. Zwar durften sie mit ihren Familien die Häuser bewohnen, ihr Alltag aber war wie der vieler ihrer Zeitgenossen davon geprägt, irgendwie über die Runden zu kommen. So machten sie sich die Architektur der Häuser zu eigen, in denen sie lebten.

Das Museum Alexandrowka. Foto: H. Kremer

IM SOMMER IM DACHGESCHOSS

Der Grundriss des Areals der Kolonie Alexandrowka

Vor allem in den warmen Sommermonaten vermieteten die russischen ‚Sänger‘ ihre Zimmer im Erdgeschoss der Häuser als eine Art Ferienwohnung. Vor allem Berliner ließen sich gerne an heißen Tagen dort nieder, um einen Hauch der Sommerfrische zu bekommen. Sie wollten sich in dörflich-authentischer Umgebung in Ruhe und frischer Luft von dem Alltag in der damals schon großen und vom Puls der Industrie erfassten Stadt Berlin erholen. Die von mittlerem Wohlstand geprägten Großstädter fanden so den gewünschten Abstand und nötige Erholung. Für die eigentlichen Bewohner war die Zeit der Untermiete jedoch weniger komfortabel.Mehrere Gäste befanden sich in den unteren Räumen und waren dort relativ bequem einquartiert. Im Gegensatz dazu zogen die Soldaten mit ihren Familien in den Verschlag unter das Dach, der nur mit einer Sackleinwand nach Außen isoliert war. Die Luft muss im Sommer dort förmlich zum Schneiden gewesen sein. Der Boden bestand lediglich aus Holzbolen, auf denen die eigentlichen Bewohner des Hauses auch schlafen mussten. Viel mehr war auch nicht möglich, denn das Dach, das in einem 45-Grad-Winkel auf dem Haus liegt, war zu niedrig, um darin richtig stehen zu können.
Am Ende der Saison zogen die Soldaten mit ihren Familien wieder in die unteren Zimmer. Für die russischen ‚Sänger‘ war das hauptsächlich ein finanzieller Gewinn, der ihnen das Leben erleichtern konnte. Wahrscheinlich zogen sie die Vermietung und das Leben im Dachgeschoss vor, weil sie sonst ihren Lebensunterhalt mit körperlicher Arbeit in ihren Gärten verbringen hätten müssen, um das Nötigste zu erwirtschaften. Die russischen Soldaten waren eben für den Kampf auf dem Schlachtfeld ausgebildet worden, mit landwirtschaftlicher Arbeit konnten sie wenig anfangen.
Zwar ließ der König während des Baus der Kolonie veranlassen, dass Obstbäume in die Gärten gepflanzt wurden., doch gingen diese aufgrund der mangelnden gärtnerischen Fertigkeiten der ‚Sänger-Soldaten‘ relativ schnell ein. Nach und nach verlor die Kolonie Alexandrowka ihre ursprüngliche Anmut und derensymbolische Bedeutung.

Zur damaligen Zeit wurden Ereignisse wie der Bau einer Kolonie selten schriftlich festgehalten. Und wenn es dazu kam, dass man zum Beispiel in Briefen oder schöngeistiger Literatur ein Wort über dergleichen verlor, erreichte es frühestens nach Jahren nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, sofern diese des Lesens mächtig war. Auch war das Interesse einfacher Bauersleute an neuester Architektur in Potsdam relativ gering.
So verschwand schon nach kurzer Zeit die eigentliche Bedeutung der Kolonie. Neben den Häusern und ihren Gärten gibt es noch ein weiteres Gebäude, das zur Kolonie Alexandrowka gehört. Auf der Anhöhe des Kappelberges befindet sich ein Bauwerk, dass es so in Deutschland nicht häufig zu finden gibt: die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kirche.
In der nächsten Ausgabe werden wir erkunden, was sich im Inneren der pastellfarbenen Fassade, die mit den typisch russischen Ikonen verziert ist, befindet und welche Geheimnisse hinter dem Eingangsportal zu finden sind.

Karl Friedrich Baptist

Quelle und Link zum vollständigen Beitrag einschließlich Bilder:
www.Der-Potsdamer.de

Mit freundlicher Genehmigung durch:
POTSDAMER – Magazin der Havelregion
Herausgeber: Steve Schulz (V.i.S.d.P.)

Potsdams russische Wurzeln (1)

Unser Beitrag über den Erzdiakon der Potsdamer russisch orthodoxen Kirche im 5. Teil der Beitragsserie „Potsdams russische Wurzeln“ hatte großes Interesse gefunden. Nun haben wir uns entschlossen die komplette Serie der Beiträge aus dem POTSDAMER – Magazin der Havelregion auf unserer Bornstedter Homepage zu veröffentlichen. Danke Herrn Steve Schulz (V.i.S.d.P.), dass er uns die Erlaubnis gegeben hat!

Teil 1: Der vergessene Freund

Werte Leserinnen und werte Leser, der POTSDAMER möchte Sie in den kommenden Ausgaben auf eine kleine Reise mitnehmen. Es ist eine Reise durch die Zeit, die Geschichte und die gesellschaftliche Entwicklung unserer Brandenburger Hauptstadt und deren Verhältnis zu unserem großen Nachbarn Russland.

Karl Friedrich Baptist macht sich auf die Suche nach Potsdams russischen Wurzeln und wird dabei u.a. unterstützt vom ehemaligen Stadtkonservator von Potsdam Andreas Kalesse.

Wir leben in einer sich ständig bewegenden und verändernden Welt, deren Gegenwart und Zukunft von der Geschichte der Nationen und ihrer Politik angetrieben werden. Dies lässt sich auch an Potsdam erkennen, das einst das Geschehen der politischen Weltbühne aus Europa mitgestaltete. Noch heute finden sich vielerorts Beweise dafür.
Die aktuelle politische Situation, mit dem leider oft angespannten Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, lässt uns oft vergessen, dass wir – fast im Zentrum der Stadt gelegen – einen Hinweis darauf finden, dass es eine historische Partnerschaft gab, die von gegenseitigem Interesse und Freundschaft geprägt war: die Kolonie Alexandrowka.
Die Kolonie Alexandrowka und die dazugehörige russisch-orthodoxe Kirche sind mehr als nur Orte für einen netten Spaziergang an sonnigen Tagen. Begeben wir uns also auf die Suche nach den russischen Wurzeln Potsdams.

Weltkuturerbe Kolonie Alexandrowka. Ihre Blockhausfassade trügt. Foto: Christine Krüger

EIN DORF DER ERINNERUNG

Die Kolonie Alexandrowka und die Alexander-Newski-Kirche, die nur unweit der Kolonie selbst auf dem Kapellenberg liegt, ist wohl eine der markantesten und zugleich architektonisch ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Potsdam. Man hat sich an den Anblick der dunklen und mit Intarsien versehenen, fast märchenhaft wirkenden Blockhäuser beim Vorbeifahren oder Vorbeilaufen gewöhnt. Dass es sich bei diesem historischen Ensemble um ein UNESCO-Weltkulturerbe handelt, ist für einige neu. Und wohl kaum einer hinterfragt, warum hier die anliegende Straßenbahnhaltestelle den Namen einer der größten russischen Autoren und Dichter trägt – Puschkinallee. Die Kolonie ist, geschichtlich betrachtet, nicht nur ein Wahrzeichen der russischen Architektur in Potsdam, sie ist auch der historische Beleg einer Freundschaft, die von Politik und Diplomatie lebte. Es war aber auch das Interesse an den Kulturen, das uns diese Bauwerke in die Stadt brachte.
Reisen wir nun zurück in das 19. Jahrhundert. In jener Zeit war das Verständnis für Staatsgebiete und Nationen zwar schon ausgeprägt, unterschied sich jedoch stark von dem, wie wir es heute kennen. Eine gezeichnete Landkarte konnte nur ungefähr bestimmen, wo ein Land begann und wo das andere endete. Landesgrenzen waren eher eine vage Annahme in den Köpfen der Staatsherren. Gebiete wurden aufgrund bestimmter Handlungen eines Staates zugeteilt. So konnte der Herrscher eines Landes Krieg führen, um seine Ländereien zu erweitern oder es auf diplomatischem Wege versuchen, seine Landesgrenzen zu erweitern oder zu stabilisieren. Letzteres bevorzugte man im damaligen Preußen. In der Verbindung zu Russland war in ebenjenen Jahren das Erschließen von Gebieten durch Eheschließungen zwischen Angehörigen der Fürsten-, Königs und Zarenhäuser das Mittel der Wahl.
Für viele von uns liegt unser alter Freund Russland, dessen Landesgrenzen das größte Flächenland der Erde beschreiben, einfach nur im Osten. Aber ist Russland auch ein Teil von Europa? Russland ist ein Teil von Europa und von Asien. Aufgrund seiner Größe lässt sich für viele dieses riesige Land gar nicht eindeutig zuordnen. Allgemein wurde Russland bis etwa zurzeit der französischen Revolution ausschließlich dem Norden Europas zugeteilt.

Im Inneren der Häuser finden sich typisch russische Gegenstände wie Ikonen.

EINE VERWANDTSCHAFT SO GROSS WIE EUROP

Das preußische Königshaus der Familie Hohenzollern blickt auf eine lange familiäre Verbundenheit mit der russischen Romanow Dynastie zurück. Die Gesamtheit der Verwandtschaftsverhältnisse lässt sich nur schwer erfassen, sie unterstreicht aber, wie wichtig die Familie und die unterschiedlichen Häuser für die Entscheidungen der damals amtierenden Herrscher waren. Bereits die Mutter von Zar Alexander I., Sophie Dorothee von Württemberg, war die Großnichte von Friedrich dem Großen. Die königlichen Häuser waren nicht nur miteinander verwandt, sondern auch freundlich zueinander gesinnt. Kein Wunder also, dass ein Großteil der damaligen Politik die Pflege der innerfamiliären Beziehungen ausmachte.
Schon länger pflegten der russische Zar Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III. um das Jahr 1800 herum eine gesunde Freundschaft unter Herrschern. Gegenseite Staatsbesuche, Geschenke und Verhandlungen führten zu einer lebhaften Zusammenarbeit. Preußen wurde 1806 in der Schlacht bei Jena und Auerstedt von Napoleon, der in Folge von zahlreichen Kriegen Europa in Atem hielt, vernichtend geschlagen und musste sich ihm unterwerfen. Dies war eine blamable Niederlage für Preußen – vor allem aber für den König selbst. Das Land befand sich nun politisch und moralisch am Ende. Reformen mussten entwickelt werden, um Preußen wieder zu neuer Stabilität zu verhelfen. Der einfachen Bevölkerung, deren Leben vor allem von körperlicher Arbeit geprägt war, wurde die Gewerbefreiheit zugesagt und was noch viel wichtiger war, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft. Die Gesellschaft erfuhr also neue Freiheiten, die nicht nur der wirtschaftlichen Situation Preußens Hoffnung brachte. All das sollte dazu dienen, dem geschwächten und von Gebietsverlusten geplagten Land wieder auf die Beine zu helfen.
Zu jener Zeit fegte Napoleon mit seiner Armee ohne großen Widerstand durch Europa und brachte immer mehr Gebiete unter französische Hand. Die entscheidende Wende gelang Russland, das 1813 die französischen Soldaten auf russischem Boden besiegen konnte. Die von starken Truppenverlusten geplagte Armee Napoleons musste sich durch den harschen und erbarmungslosen russischen Winter wieder nach Westen drängen lassen. Preußen sah darin eine Chance, sich endlich von der napoleonischen Tyrannei befreien zu können und erneut zu erstarken. So schloss es sich militärisch Russland an, um den französischen Kaiser endgültig in die Flucht zu schlagen. Diese gemeinsamen Schlachten waren von großem Erfolg gekrönt und gingen als Befreiungskriege in die Geschichte ein. Preußen, welches zuvor lange unter der autokratischen Herrschaft Frankreichs an Einfluss und Größe verlor, konnte sich nun wieder politisch und wirtschaftlich erholen.

Im typisch russischen Ambiente darf die Samowar nicht fehlen.

FRIEDRICH HOLT RUSSLAND NACH POTSDAM

Als der damalige König von Preußen und Kurfürst von Brandenburg 1819 sich zu Besuch im russischen Zarenreich in Sankt Petersburg befand, erblickte er etwas, das ihn in dessen Bann zog. Es war die etwa 25 km südwestlich von der Stadt entfernt liegende Schloss- und Parkanlage Pawlowsk, die heute noch dort zu finden ist. Diese Anlage muss Friedrich Wilhelm III. lange positiv im Gedächtnis geblieben sein und in ihm großes Interesse hervorgerufen haben, denn er ließ sich die Pläne zur Errichtung einer solchen Dorfanlage aushändigen und brachte sie mit nach Potsdam.
Als im Jahr 1825 Alexander I. starb, war dies für den preußischen König als Verbündeter ein großer Verlust. Zum Andenken und als Zeichen der Verbundenheit mit dem Zaren und zu Russland beauftragte er die Errichtung einer russischen Siedlung im preußischen Potsdam. Die Baupläne für das Vorhaben hatte er ja bereits. Nur ein Jahr nach Baubeginn 1826 war das Unterfangen fertiggestellt. Die Kolonie erhielt den Namen des verstorbenen Freundes. So gelang ein Stück Russlands nach Potsdam und wurde der russische Zar Alexander I. in der Anlage Alexandrowka namentlich in der Stadt verewigt. Im Jahr 1829 folgte auch die Fertigstellung der Alexander-Newski-Kirche, die seit jeher als eine Einheit mit der Anlage Alexandrowka betrachtet wird. Sie steht unweit der Alexandrowka-Anlage auf dem Kapellenberg, der früher Alexanderberg hieß. Der wohl bekannteste Architekt Preußens, Karl Friedrich Schinkel, der an der Planung und Erbauung vieler historischer Bauwerke Potsdams mitgewirkt hatte, war an der Planung und Erbauung der Kolonie nicht beteiligt. Jenem war schlichtweg diese Form des Baues nicht bekannt, schon gar nicht russische Blockhäuser und ähnliche Architektur. Es wird überliefert, dass er lediglich die Altarwand der Kirche angepasst habe.

Das Café Alexandrowka von innen. Fotos: kb

Preußische Fertigkeiten in der Baukunst setzten den russischen Stil um. So entstanden Fachwerkhäuser, deren Verkleidung die typisch russische Verkleidung von Blockhäusern erhielten. Das Areal der Anlage und seine Wege wurden in Form eines Hippodroms angelegt, das an die gemeinsame Siegesfeier in Paris erinnern soll. An der Feier zum Sieg in Paris im Jahr 1814 nahmen Alexander I. und Friedrich Wilhelm III. gemeinsam teil. Sie feierten zusammen die Siegesparade auf dem Hippodrom in Paris, dem Marsfeld der französischen Revolution, auf dem heute der Eiffelturm zu finden ist. Inmitten des Hippodroms der Alexandrowka-Anlage befinden sich zwei Hauptwege, die ein Andreaskreuz bilden. Es ist das Symbol eines russischen Schutzpatrons – dem heiligen Andreas. Dieses Symbol findet man heute wieder auf dem im Jahre 1998 wieder eingeführten russischen Staatsorden, der als höchste zivile Auszeichnung in Russland verliehen wird – ähnlich dem Bundesverdienstkreuz.
Die Kolonie Alexandrowka scheint ausreichend erforscht zu sein. Doch treten immer wieder kleine unbekannte Eckpfeiler der Geschichte zu Tage, die die Geschichte und die Geschichten ergänzen.
Erfahren Sie in der nächsten Ausgabe, wie sich das Leben in der Kolonie gestaltete und was es mit Sängern auf sich hat, die nicht sangen. Bis dahin und До свидания!

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Mit freundlicher Genehmigung durch:
POTSDAMER – Magazin der Havelregion
Herausgeber: Steve Schulz (V.i.S.d.P.)

Potsdams russische Wurzeln (5)

IN POTSDAM WAR ES FÜR MICH LEICHTER, MEINEN GLAUBEN AUSZUÜBEN

Beitrag im Magazin „Der Potsdamer“ vom 3.12.2020
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Ein Gespräch mit dem Erzdiakon der russisch-orthodoxen Alexander-Newski-Gedächtniskirche
Vor 34 Jahren zog der damals elf Jahre alte Daniel Koljada mit seinen Eltern und seinen Geschwistern aus der Sowjetunion nach Potsdam. Im Interview mit dem POTSDAMER erzählt der heutige Erzdiakon der russisch-orthodoxen Alexander-Newski Gedächtniskirche in Potsdam, wie seine Familie in die damalige DDR kam, warum er den Weg des Kirchendieners gewählt hat, wie er die Wende erlebte und über vieles mehr.

Woher kommen Sie und seit wann sind Sie in Potsdam?
Geboren bin ich 1975 in Lettland, in der Stadt Libawa. Damals gehörte Lettland noch zur Sowjetunion. Mein Vater war damals an der Technischen Universität von Riga tätig. Als er 1980 die Priesterweihe bekam, ist er mit uns allen nach Weißrussland, seiner Heimat, zurückgekehrt. Dort bin ich auch in die Schule gegangen.
Mein Vater ist nicht nur ein sehr gläubiger Mann, sondern auch einer, der für seine Ansichten einsteht und sie verteidigt. Das war nicht immer gern gesehen. Nachdem mein Vater in Belarus drei Kirchen wiederaufgebaute und einen Prozess gegen die Sowjetmacht gewonnen hatte, wollte man ihn aus Weißrussland weghaben. So wurde er 1986 nach Potsdam strafversetzt. Und die ganze Familie ging mit ihm. Ich war damals elf Jahre alt.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen als Kind und später als Jugendlicher, als Sie in die DDR kamen, einem Land, das wenig öffentlichen Bezug zur Kirche hatte?
In der DDR gab es im Gegensatz zu der Sowjetunion oder Weißrussland mehr Religionsfreiheit, und deshalb war es für mich in Potsdam leichter, meinen Glauben auszuüben. Wenn ich in Weißrussland oder in Russland die Ferien bei meinen Großeltern verbrachte, wurde ich immer als Popensohn oder Priestersohn gehänselt. In der DDR war das nicht so, weil ich hier ja sowieso ein Außenseiter als Ausländer war. Damals war auch noch die Rote Armee hier stationiert und ich hatte viele Freunde aus der Schule sowie aus dieser Umgebung. In der DDR war man nicht so kritisch oder lehnte unsere Religion ab, ganz im Gegensatz zu vielen Menschen in Russland oder Weißrussland, die keinen Bezug zur russisch-orthodoxen Kirche hatten.

Seit 1986 leitet Ihr Vater, Erzpriester Anatolij Koljada, die russisch-orthodoxe Alexander-Newski Gedächtniskirche in Potsdam. Wann haben Sie sich entschieden, Ihrem Vater beruflich zu folgen und warum? Wie einfach war es für Sie, diese Entscheidung zu treffen?
Die Entscheidung wurde mir wahrscheinlich fast in die Wiege gelegt, weil ich seit meinem fünften Lebensjahr in der Kirche diene. Da ich in der Kirche aufwuchs, war das für mich nur eine Frage der Zeit. Meine beiden Großväter sind auch Priester. Die Arbeit als Geistlicher hat bei uns also schon seit Generationen Tradition. Ich wollte das dann wahrscheinlich fortsetzen, obwohl ich auch einen zivilen Beruf habe und ihn ausübe. Ich habe an der Technischen Universität Berlin an der Fakultät für Informatik und Wirtschaftsmathematik studiert.
Da die Gottesdienste meistens am Wochenende sind, arbeite ich unter der Woche. Samstags und sonntags bin ich dann in der Kirche tätig. Außerdem kann ich in meinem weltlichen Beruf die Arbeitszeit selbst bestimmen. Natürlich ist es aber eine Doppelbelastung.

Noch sind Sie kein Priester, sondern ein Diakon. Das heißt, dass Sie selbstständig noch keine Gottesdienste leiten können, sondern dem Priester dabei helfen? Möchten Sie denn Priester werden?
In der Zukunft, ja. Man bekommt dann von dem Bischof die Priesterweihe. Die Voraussetzungen dafür sind ein abgeschlossenes Priesterseminar und eine Ehe. In der orthodoxen Kirche muss man als Priester entweder mit der ersten und einzigen Ehefrau verheiratet sein oder man schlägt den anderen Weg ein und wird Mönch. Ich habe den ersten Weg gewählt und habe daher diese Auflage bereits erfüllt.

Ist Ihre Frau Russin, und haben Sie sie in Deutschland (Potsdam) kennengelernt?
Meine Frau habe ich in Potsdam kennengelernt, als sie mit einem weißrussischen Chor der auf Einladung unserer Gemeinde Benefizkonzerte veranstaltete, hier in Deutschland mit dabei war. Sie kommt aus einem kleinem aber sehr Kultur- und Geschichtsprächtigen und einer der ältesten Städte der alten Rus. (862) – Stadt Polozk im Norden von Belarus.

Arbeiten einige Ihrer sechs Kinder auch in der Kirche mit? Dürfen Jungen und Mädchen (Männer und Frauen) in der russisch-orthodoxen Kirche arbeiten oder nur Jungen bzw. Männer?
Natürlich, wenn Sie Zeit haben, helfen sie mit, Jungs begleiten den Gottesdienst als Ministranten und Leser, Mädels singen in dem Chor. So haben wir im Frühlingslockdown vor Ostern fast einen Monat mehrere Gottesdienste nur mit Hilfe und im Kreise unserer Familie zelebriert.
Als Geistliche dürfen in der orthodoxen Kirche nur Männer dienen, die Frauen können aber den Gottesdienst mit Gesang verschönern, oder als Psalmleserin oder, wie meine Frau als Chorleiterin (Kantorin) arbeiten. Außerhalb des Gottesdienstes gibt es in anderen Aufgabenfeldern der Gemeinde für die Frauen fast keine Beschränkungen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Gottesdienst in Potsdam?
Das war gleich nach unserer Anreise hierher. Es war ein bisschen befremdlich, da damals noch sehr wenige Menschen zu den Gottesdiensten kamen. Allerdings konnte man schnell Kontakte knüpfen. Die Menschen kamen auf einen zu, sprachen sogar ein wenig Russisch, das sie in der Schule als „Pflichtsprache“ gelernt hatten.

Unterscheidet sich ein heutiger Gottesdienst von einem Gottesdienst in den 1980er und 1990er Jahren?
Als wir hierhergekommen sind, hatten wir sehr wenige Gemeindemitglieder und dienten quasi über Wochen hinweg nur im Kreise unserer Familie. Später kamen sechs, acht Leute hinzu. Heute kommen zu einem normalen Gottesdiensten 80 bis 100 Gemeindemitglieder. An Festen natürlich mehr. Aber jetzt haben wir leider Covidzeit. Die Leute müssen sich anmelden, und es wird dann eben Wochen im Voraus gebucht. So können immer noch 25 bis 30 Gemeindemitglieder jedes Wochenende kommen.

Als Ihre Familie nach Potsdam zog, herrschte dort noch eine sozialistische Ära. Sie sind in ein Land gekommen, das es jetzt nicht mehr gibt, wie es aber auch kein Land mehr gibt, aus dem Sie vor 34 Jahren gekommen sind. Gemeint sind natürlich die DDR und die UdSSR. Wie sehr haben die geopolitischen Veränderungen Ihre Tätigkeit als Kirchendiener und als Privatperson beeinflusst?
Wir haben die Wende live miterlebt. Mein Vater war damals bei dem Treffen der evangelischen und katholischen Gemeinden, die im Hintergrund die Protestbewegung in der DDR mitaufgebaut hatten. Ab und zu war ich damals dabei gewesen und habe den Prozess der Wende sehr bewusst miterlebt. Ich habe das Bestreben des deutschen Volkes zu der Wiedervereinig gespürt. Aber danach war leider dieser Bruch von sozialistischer Lebensweise in kapitalistische Marktwirtschaft sehr abrupt, indem die Leute aus dem Westen hierherkamen, viele Betriebe in einer Nacht geschlossen und zahlreiche Menschen arbeitslos wurden. Es war auch für die Deutschen hier in Potsdam ein sehr starker Einschnitt in ihre Lebensweise.
Schon vor der Wende hatten wir in unserer Gemeinde Mitglieder, die nach Westen ausgewandert sind und uns später von dort geholfen haben. Viele Jugendliche sind in den Westen gezogen, weil sie dort bessere Arbeitschancen hatten. Jetzt, nach 30 Jahren, ist es ungefähr wieder im Lot. Aber es gibt immer noch Menschen, die DDR-Nostalgiegefühle haben oder aber auch die, die anders gesinnt sind. Da ich quasi zwischen den zwei Welten war, habe ich es von beiden Standpunkten aus gesehen. Ich war ja als Außenstehender nicht direkt betroffen. Meine Familie war hier wie auf einer Dienstreise. Erst nach der Wende haben wir uns hier, Gott sei Dank, richtig niedergelassen.
Und es war interessant anzusehen, wie dieser Wendeprozess in die Sowjetunion übergeschwappt ist und so auch mit zur Eigenständigkeit der verschiedenen Republiken beigetragen hat.

Ähnliche Gefühle, wie einige Ostdeutschen, erleben auch viele Menschen in Russland, die nostalgisch auf die vergangene Sowjetunion blicken. Gehören Sie auch dazu?
Man kann mich nicht zu denjenigen zählen, die nostalgisch zurück auf die Sowjetunion gucken. Wie gesagt, bin ich hauptsächlich hier in Potsdam aufgewachsen. Natürlich hatte ich immer sehr starken Bezug zu Russland und Weißrussland. Dort habe ich immer noch viele Verwandte und Bekannte. Ich reise in der Regel zwei-, dreimal pro Jahr dorthin, um Verwandte zu besuchen. Heute mache ich dort Urlaub, wo ich als Kind meine Sommerferien verbracht habe. Ich schaue deshalb nicht wehmütig zurück, weil ich immer die Gelegenheit hatte, in meine alte Heimat zu reisen. Wir waren auch nie so stark von der russischen Kultur getrennt, wie man vielleicht annimmt. Ich denke aber oft und gerne an meine Schulzeit, weil ich hier von der sechsten bis zur elften Klasse in die Militärschule gegangen bin und diese absolviert habe. Ich denke, die Schulzeit ist für viele Menschen eine besondere Zeit im Leben und die bleibt immer in der Erinnerung.

Mehr über Daniel Koljada und seine Arbeit als Erzdiakon erfahren Sie in der kommenden Ausgabe.

Das Interview mit Erzdiakon Daniel Koljada führte unsere Mitarbeiterin Femida Selimova

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Mit freundlicher Genehmigung durch:
POTSDAMER – Magazin der Havelregion
Herausgeber: Steve Schulz (V.i.S.d.P.)

„StadtrandELFen“

In Potsdam gibt es viele Vereine – darunter auch Vereine, mit einem ungewöhnlichen, interessanten Namen. Im Potsdamer Norden agiert ein Verein mit dem Namen „StadtrandELFen“. Was es mit diesem Verein auf sich hat – darüber hat Michael Erbach mit Heike Roth vom Verein „StadtrandELFen“ gesprochen.

Quelle und Link zum Interview: www.HAUPTSTADT.tv

Link zu unserem Beitrag:
CrowdFunding: Bornstedt Solar – Mach mit!

ALLES ODER NICHTS

Das gesammelte Geld wird erst ausbezahlt, wenn zwischen dem 20.11.20 und dem 10.12.20 um 20:00 Uhr mindestens 1.750 € zusammenkommen. Ansonsten erhalten alle Unterstützer/innen ihr Geld zurück.

Geschafft! Stand Samstag, 5.12.2020

Quelle und Link: www.Potsdam-Crowd.de

Wo Begegnungsräume fehlen

Heike Roth und Peter Komischke leben seit Jahren im Bornstedter Feld in Potsdam –
beide schätzen den Stadtteil, sehen aber auch zahlreiche Versäumnisse bei der Planung des Stadtteils

Von Sarah Kugler
Mittwoch 18.11.2020 Märkische Allgemeine Zeitung
MAZ Fotos Varvara Smirnova

Bornstedter Feld.
In einem sind sich Peter Komischke und Heike Roth einig: Das Bornstedter Feld hat noch viel Luft nach oben, wenn es um Orte der Begegnung geht. Beide wohnen schon länger in Potsdams Stadtteil mit den zweitmeisten Einwohnern, vor Ort existieren weder eine Zweigbibliothek, noch ein Museum oder ein Begegnungszentrum, das groß genug ist, allen Anfragen der Bewohner gerecht zu werden.

Peter Komischke weiß das aus erster Hand, er arbeitet ehrenamtlich im Bornstedter Stadtteilladen. Die Angebote dort sind gefragt, allein bei einem Stadtspaziergang haben sich so viele Interessierte angemeldet, dass nicht alle teilnehmen konnten, erzählt der 66-Jährige. Auch für Veranstaltungen in den Räumen reiche der Platz oft nicht aus: „Wir kämpfen darum, größere Räumlichkeiten zu bekommen, um uns mehr für die Nachbarschaft einsetzen zu können“, sagt er. Seit 1983 wohnt er in Potsdam, ist mehrmals innerhalb der Stadt umgezogen. „Am Stern habe ich gewohnt, im Kirchsteigfeld und in der Waldstadt II.“ Als die Kinder ausgezogen waren, zog er mit seiner Frau im Oktober 2013 ins Bornstedter Feld. Sie leben dort in einem Haus der Pro Potsdam, das als generationsübergreifendes Mietshaus genutzt wird. 24 Wohnungen befinden sich in dem Haus, die älteste Bewohnerin ist 85, wie Komischke erzählt, und das jüngste Kind gerade erst geboren. Gemietet werden können Eineinhalb-, Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen – das Ehepaar Komischke wohnt in einer Zweizimmerwohnung. „Das reicht, dafür haben wir ja alle auch einen Balkon, der etwa sieben Meter lang ist“, sagt er. „Darauf können Sie tanzen.“

Auch wenn Peter Komischke erst seit sieben Jahren vor Ort lebt, kennt er das Bornstedter Feld schon lange. „Als in den 1990er Jahren die sowjetischen Streitkräfte abgezogen sind,

Warum das nicht als klimaneutraler Stadtteil gedacht
worden ist, ist mir ein Rätsel.

Heike Roth
ist 2008 mit ihrer Familie ins
Bornstedter Feld gezogen.

war hier eine große Gartenfläche mit Obstbäumen“, erzählt er. Mit seinen Kindern hat er dort Drachen steigen lassen, die rasante Bebauung beobachtet er eher skeptisch. Inzwischen wohnen die zwei Töchter auch im Bornstedter Feld, gerade in Corona-Zeiten sei es schön, sie in der Nähe zu haben. „Das Glück hat nicht jeder.“

Sich als Gemeinschaft zu verstehen, ist auch in seinem Wohnhaus wichtig: Interessierte werden danach ausgesucht, ob sie sich nachbarschaftlich einbringen möchten. Wer einziehen möchte, muss sich den Mietern in einem gemeinsamen Gespräch vorstellen – es kam auch schon vor, dass Interessenten abgelehnt wurden, erzählt Komischke.

Immer wieder werden gemeinsame Aktionen geplant, für die Organisation im Haus gibt es verschiedene Gruppen. Die Hofgruppe zum Beispiel, die sich um die Pflanzen im Vorgarten kümmert oder die Salongruppe, die den Gemeinschaftsraum in Ordnung hält. Schade findet Komischke, dass beim Planen des Bornstedter Feldes vieles nicht bedacht wurde. Sportplätze oder auch die Schulen. „Am Anfang gab es hier nur eine Grundschule“, sagt er. Dabei hätte man sich doch denken können, dass viele Familien hierherziehen und mehr Schulen gebraucht werden. Für Kitas gelte das Gleiche.

Heike Roth kann bei dem Thema aus Erfahrung sprechen. Sie lebt nur wenige Straßen von Peter Komischke entfernt, in einem Reihenendhaus. 2008 ist sie mit ihrer Familie nach Potsdam gezogen, als ihr heute 17-jähriger Sohn in den Kindergarten sollte, war es vor Ort so eng, dass ihr ein Kita-Platz in Bergholz-Rehbrücke angeboten wurde. „Ich hatte damals ernsthaft überlegt, ob ich mit ihm nach Berlin zu meinen Eltern ziehe und ihn dort in die Kita gebe“, erzählt die 52-Jährige.

Sie selbst stammt aus Berlin, dort lebte auch die Familie eine Weile, bis sie für ein Jahr arbeitsbedingt nach Regensburg musste. „Dann bekam mein Mann in Potsdam die Stelle, ich hatte eine halbe Stelle in Berlin“, erzählt Roth. Für die Großstädterin wäre eine Reihenhaussiedlung früher nie denkbar gewesen, doch in Regensburg habe sie so gute Erfahrungen damit gemacht, dass sie dem Kauf des Potsdamer Hauses schließlich zustimmte. Inklusive Dachgeschoss hat das Haus drei Stockwerke und zusätzlich einen ausgebauten Keller.

Inzwischen hat Heike Roth wieder eine ganze Stelle in Berlin. Die Anbindung sei zwar gut, trotzdem brauche sie für eine Fahrt mehr als eine Stunde. Nicht nur deswegen überlege sie, wieder nach Berlin zu ziehen, wenn der Sohn nach dem Abitur aus dem Haus ist: „Meine ganze Familie ist dort und irgendwie ist es halt auch zu Hause.“ Das hieße nicht, dass sie sich im Bornstedter Feld nicht wohlfühle. „Die Ruhe hier

„Als in den 1990er Jahren die Streitkräfte abgezogen sind,
war hier eine große Gartenfläche.“

Peter Komischke
ließ mit seinen Kindern früher
oft Drachen auf der Wiese steigen.

ist unglaublich schön, die Nähe zum Volkspark auch“, sagt sie. Mit den Kindern sei sie früher oft in der Biosphäre gewesen. „Die haben das dort sehr geliebt.“

Die Folgen der rasanten Bebauung spürt auch sie. „Früher waren deutlich weniger Menschen auf dem Wasserspielplatz oder überhaupt im Park“, sagt sie. Was sie allerdings viel eher stört, sind die städtebaulichen Versäumnisse. „Ich frage mich wirklich oft, was sich die Leute dabei gedacht haben“, sagt sie. Architektonisch seien die Häuser hier überall nichts Besonderes und auch in Sachen Klima hätte man sich mehr Gedanken machen können. „Warum das nicht als klimaneutraler Stadtteil gedacht worden ist, ist mir ein Rätsel.“

Und auch ihr fehlen die Begegnungsräume. Ohne könne sie nicht wirklich leben, aus Begegnungen mit anderen ziehe sie ihre Energie, sagt die Kulturreferentin. Die Verbannung ins ständige Corona-Homeoffice sei für sie deswegen auch nicht einfach. Auch gesellschaftliches Engagement gehört für sie dazu, früher war sie bei den Pfadfindern, immer Klassensprecherin und sei heute in verschiedenen Gruppen aktiv wie den Stadtrandelfen, ein Verein, der unter anderem die Habichtwiese in Bornstedt betreut.

„Ich habe schon immer geguckt, was man wo tun kann, es hilft ja auch, Anschluss zu finden“, sagt Roth. Gerade das sei ihr in Potsdam leicht gefallen, weil viele Menschen von woanders hergekommen sind und ebenfalls nach Kontakten gesucht haben. „Mich hat es auch beeindruckt, wie viele Menschen sich mit einbringen“, sagt sie. Letztendlich sei das Jammern über fehlende Begegnungsstätten natürlich auch Jammern auf hohem Niveau. „Aber wenn man schon einen neuen Stadtteil hochzieht, hätte man sich insgesamt mehr Gedanken machen können.“

Von Sarah Kugler
Mittwoch 18.11.2020 Märkische Allgemeine Zeitung

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin Sarah Kugler
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