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Wo Begegnungsräume fehlen

Heike Roth und Peter Komischke leben seit Jahren im Bornstedter Feld in Potsdam –
beide schätzen den Stadtteil, sehen aber auch zahlreiche Versäumnisse bei der Planung des Stadtteils

Von Sarah Kugler
Mittwoch 18.11.2020 Märkische Allgemeine Zeitung
MAZ Fotos Varvara Smirnova

Bornstedter Feld.
In einem sind sich Peter Komischke und Heike Roth einig: Das Bornstedter Feld hat noch viel Luft nach oben, wenn es um Orte der Begegnung geht. Beide wohnen schon länger in Potsdams Stadtteil mit den zweitmeisten Einwohnern, vor Ort existieren weder eine Zweigbibliothek, noch ein Museum oder ein Begegnungszentrum, das groß genug ist, allen Anfragen der Bewohner gerecht zu werden.

Peter Komischke weiß das aus erster Hand, er arbeitet ehrenamtlich im Bornstedter Stadtteilladen. Die Angebote dort sind gefragt, allein bei einem Stadtspaziergang haben sich so viele Interessierte angemeldet, dass nicht alle teilnehmen konnten, erzählt der 66-Jährige. Auch für Veranstaltungen in den Räumen reiche der Platz oft nicht aus: „Wir kämpfen darum, größere Räumlichkeiten zu bekommen, um uns mehr für die Nachbarschaft einsetzen zu können“, sagt er. Seit 1983 wohnt er in Potsdam, ist mehrmals innerhalb der Stadt umgezogen. „Am Stern habe ich gewohnt, im Kirchsteigfeld und in der Waldstadt II.“ Als die Kinder ausgezogen waren, zog er mit seiner Frau im Oktober 2013 ins Bornstedter Feld. Sie leben dort in einem Haus der Pro Potsdam, das als generationsübergreifendes Mietshaus genutzt wird. 24 Wohnungen befinden sich in dem Haus, die älteste Bewohnerin ist 85, wie Komischke erzählt, und das jüngste Kind gerade erst geboren. Gemietet werden können Eineinhalb-, Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen – das Ehepaar Komischke wohnt in einer Zweizimmerwohnung. „Das reicht, dafür haben wir ja alle auch einen Balkon, der etwa sieben Meter lang ist“, sagt er. „Darauf können Sie tanzen.“

Auch wenn Peter Komischke erst seit sieben Jahren vor Ort lebt, kennt er das Bornstedter Feld schon lange. „Als in den 1990er Jahren die sowjetischen Streitkräfte abgezogen sind,

Warum das nicht als klimaneutraler Stadtteil gedacht
worden ist, ist mir ein Rätsel.

Heike Roth
ist 2008 mit ihrer Familie ins
Bornstedter Feld gezogen.

war hier eine große Gartenfläche mit Obstbäumen“, erzählt er. Mit seinen Kindern hat er dort Drachen steigen lassen, die rasante Bebauung beobachtet er eher skeptisch. Inzwischen wohnen die zwei Töchter auch im Bornstedter Feld, gerade in Corona-Zeiten sei es schön, sie in der Nähe zu haben. „Das Glück hat nicht jeder.“

Sich als Gemeinschaft zu verstehen, ist auch in seinem Wohnhaus wichtig: Interessierte werden danach ausgesucht, ob sie sich nachbarschaftlich einbringen möchten. Wer einziehen möchte, muss sich den Mietern in einem gemeinsamen Gespräch vorstellen – es kam auch schon vor, dass Interessenten abgelehnt wurden, erzählt Komischke.

Immer wieder werden gemeinsame Aktionen geplant, für die Organisation im Haus gibt es verschiedene Gruppen. Die Hofgruppe zum Beispiel, die sich um die Pflanzen im Vorgarten kümmert oder die Salongruppe, die den Gemeinschaftsraum in Ordnung hält. Schade findet Komischke, dass beim Planen des Bornstedter Feldes vieles nicht bedacht wurde. Sportplätze oder auch die Schulen. „Am Anfang gab es hier nur eine Grundschule“, sagt er. Dabei hätte man sich doch denken können, dass viele Familien hierherziehen und mehr Schulen gebraucht werden. Für Kitas gelte das Gleiche.

Heike Roth kann bei dem Thema aus Erfahrung sprechen. Sie lebt nur wenige Straßen von Peter Komischke entfernt, in einem Reihenendhaus. 2008 ist sie mit ihrer Familie nach Potsdam gezogen, als ihr heute 17-jähriger Sohn in den Kindergarten sollte, war es vor Ort so eng, dass ihr ein Kita-Platz in Bergholz-Rehbrücke angeboten wurde. „Ich hatte damals ernsthaft überlegt, ob ich mit ihm nach Berlin zu meinen Eltern ziehe und ihn dort in die Kita gebe“, erzählt die 52-Jährige.

Sie selbst stammt aus Berlin, dort lebte auch die Familie eine Weile, bis sie für ein Jahr arbeitsbedingt nach Regensburg musste. „Dann bekam mein Mann in Potsdam die Stelle, ich hatte eine halbe Stelle in Berlin“, erzählt Roth. Für die Großstädterin wäre eine Reihenhaussiedlung früher nie denkbar gewesen, doch in Regensburg habe sie so gute Erfahrungen damit gemacht, dass sie dem Kauf des Potsdamer Hauses schließlich zustimmte. Inklusive Dachgeschoss hat das Haus drei Stockwerke und zusätzlich einen ausgebauten Keller.

Inzwischen hat Heike Roth wieder eine ganze Stelle in Berlin. Die Anbindung sei zwar gut, trotzdem brauche sie für eine Fahrt mehr als eine Stunde. Nicht nur deswegen überlege sie, wieder nach Berlin zu ziehen, wenn der Sohn nach dem Abitur aus dem Haus ist: „Meine ganze Familie ist dort und irgendwie ist es halt auch zu Hause.“ Das hieße nicht, dass sie sich im Bornstedter Feld nicht wohlfühle. „Die Ruhe hier

„Als in den 1990er Jahren die Streitkräfte abgezogen sind,
war hier eine große Gartenfläche.“

Peter Komischke
ließ mit seinen Kindern früher
oft Drachen auf der Wiese steigen.

ist unglaublich schön, die Nähe zum Volkspark auch“, sagt sie. Mit den Kindern sei sie früher oft in der Biosphäre gewesen. „Die haben das dort sehr geliebt.“

Die Folgen der rasanten Bebauung spürt auch sie. „Früher waren deutlich weniger Menschen auf dem Wasserspielplatz oder überhaupt im Park“, sagt sie. Was sie allerdings viel eher stört, sind die städtebaulichen Versäumnisse. „Ich frage mich wirklich oft, was sich die Leute dabei gedacht haben“, sagt sie. Architektonisch seien die Häuser hier überall nichts Besonderes und auch in Sachen Klima hätte man sich mehr Gedanken machen können. „Warum das nicht als klimaneutraler Stadtteil gedacht worden ist, ist mir ein Rätsel.“

Und auch ihr fehlen die Begegnungsräume. Ohne könne sie nicht wirklich leben, aus Begegnungen mit anderen ziehe sie ihre Energie, sagt die Kulturreferentin. Die Verbannung ins ständige Corona-Homeoffice sei für sie deswegen auch nicht einfach. Auch gesellschaftliches Engagement gehört für sie dazu, früher war sie bei den Pfadfindern, immer Klassensprecherin und sei heute in verschiedenen Gruppen aktiv wie den Stadtrandelfen, ein Verein, der unter anderem die Habichtwiese in Bornstedt betreut.

„Ich habe schon immer geguckt, was man wo tun kann, es hilft ja auch, Anschluss zu finden“, sagt Roth. Gerade das sei ihr in Potsdam leicht gefallen, weil viele Menschen von woanders hergekommen sind und ebenfalls nach Kontakten gesucht haben. „Mich hat es auch beeindruckt, wie viele Menschen sich mit einbringen“, sagt sie. Letztendlich sei das Jammern über fehlende Begegnungsstätten natürlich auch Jammern auf hohem Niveau. „Aber wenn man schon einen neuen Stadtteil hochzieht, hätte man sich insgesamt mehr Gedanken machen können.“

Von Sarah Kugler
Mittwoch 18.11.2020 Märkische Allgemeine Zeitung

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin Sarah Kugler
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PNN – Beiträge zum Bornstedter Feld

Themen in der PNN: Bornstedter Feld

Nach dem Rückzug der russischen Streitkräfte aus den Kasernen im Bornstedter Feld im Potsdamer Norden begann die Aufarbeitung der Brachen. In den 90er Jahren wurde das Areal für die Bundesgartenschau 2001 entwickelt. Rund um den Volkspark entstand dann ein Wohn- und Dienstleistungsstandort. Und der Stadtteil wächst weiter.

Die PNN berichtet in dieser Rubrik im Internet (nachfolgenden Link oder auf unserer Homepage auch unter „Externe Links“) über aktuelle Themen zum Bornstedter Feld.

Quelle und Link: www.PNN.de