Potsdams russische Wurzeln (2)

Teil 2: Der vergessene Freund

Willkommen und Здравствуйте werte Leserinnen und Leser. Der POTSDAMER begrüßt Sie zum zweiten Teil der Suche nach den russischen Wurzeln in Potsdam. Im ersten Teil führte uns die historische Reise zu den Ursprüngen der preußisch-russischen Beziehungen und zur Planung und Errichtung der Kolonie Alexandrowka. Die kleinen, schon fast verzaubert wirkenden Häuser im russischen Blockhausstil erstrahlen in jenen Tagen des Jahres 1826 in ihrer voller Schönheit als neuester architektonisches Element der Stadt Potsdam. Nun fehlte nur noch ein wichtiger Bestandteil – die Bewohner. Doch dieses Problem sollte Friedrich Wilhelm III. bald lösen.

DIE KLEINE MOGELPLACKUNG

Die hauptsächlich aus Kiefern- und Eichenholz errichteten Häuser versammelten zunächst eine Schar an Arbeitern um sich, die nicht nur mit reiner Kraft, sondern auch mit ihrem technischen und fachlichen Know-how das Bauvorhaben des Königs Friedrich Wilhelm III. realisieren sollten. Seine Vision von einem Kunstdorf im russischen Stil in Potsdam, zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Freundes und politischen Wegbegleiters, Zar Alexander I., sollte Realität werden. Die Geschwindigkeit, in der der Bertiggestellt wurde, ist auch aus heutiger Sicht beeindruckend, denn von der Planung bis zur fertigen Errichtung der gesamten Anlage brauchte an nur knapp ein Jahr. Unter anderem waren an der Fertigstellung der 13 Häuser 54 Tischler und Zimmerleute aus Potsdam und Berlin beteiligt sowie 44 Männer, die eigentlich dem preußischen Militär angehörten und die die Bauarbeiten mit ihrer Kraft unterstützen sollten. Das Ergebnis ihrer harten Arbeit waren zweigeschossige Häuser mit nicht nutzbaren Balkons, die die russischen Originale imitieren sollten und für diesen Zweck angebracht wurden.
An der Oberseite der Fassade des Daches befestigte man gemusterte Zierleisten im russischen Stil. Der rechteckige Grundriss teilt sich in vier quadratische und zwei rechteckige Zimmer auf. Das Fundament besteht aus einem gemauerten Ziegelgrund. Der Eindruck, dass es sich hierbei um Blockhäuser handelt, trügt. Man befestigte schlichtweg Rundbohlen an den Außenseiten des Fachwerkes. So konnte man die in Preußen unbekannte Bauweise russischer Blockhäuser zumindest imitieren und mit geläufigen und bekannten Bautechniken verbinden, denn die russischen Originale, die man zu dieser Zeit im Zarenreich fand, bestanden nicht aus dem besagten Holzfachwerk, sondern waren reine Blockhäuser – ein Baustil, der für hiesige Architekten fremd und daher schwierig zu realisieren war.

Der Fachwerk-Skelettbau eines russischen Hauses in der Kolonie Alexandrowka. Fotos: kb

Kaum war die Kolonie komplett errichtet, so musste man erste Zugeständnisse machen. Da waren zum einen die Fenster, die im Verhältnis zu den Häusern viel zu klein waren. Um den Eindruck und das Aussehen russischer Blockhäuser nicht zu verlieren, beließ man sie absichtlich klein. Die Folge war, dass weder genügend Luft noch Sonnenlicht eindringen konnte.
Diese Gegebenheit war den Baumeistern wohl bekannt, wurde aber auf Wunsch des Königs nicht bautechnisch verändert, da das Erscheinungsbild und nicht die Funktion im Vordergrund stand. Zudem waren nicht alle Zimmer beheizbar, was für den Winter natürlich problematisch war. Das lag an der Tatsache, dass es nur einen Ofen gab, der sich in der Küche befand und nur für ein weiteres anliegendes Zimmer als Spender für Wärme ausreichte.
Der König verlangte nach einer Anlage mit Aussagekraft. Die Kolonie sollte von symbolischem Wert sein und nicht von praktischem. Der Meinung des Königs zufolge sollte sie von den ruhmreichen Tagen der gemeinsamen Kämpfe gegen Napoleon erzählen, an die Freundschaft beider Länder erinnern sowie die Ehrerbietung dem russischen Zaren Alexander I. gegenüber zeigen.

Alexander I und Friedrich Wilhelm III (v.l.)

WARUM DIE SÄNGER NICHT SANGEN

In der Geschichte der brandenburgischen Hauptstadt gibt es einen sich oft stark wiederholenden Irrglaube. Des Öfteren liest man, dass die Kolonie direkt für die zwölf russischen Sänger des Garderegimentes aus dem Kampf gegen Napoleon, welche noch in Potsdam lebten, erbaut wurde. Jene sollen in Potsdam verblieben sein und fortan Alexandrowka ihr Zuhause genannt und die Häuser als Geschenk erhalten haben. Leider wird hier nur die halbe Wahrheit erzählt, die manch kleiner Taschenbuch-Reiseführer nicht in seiner Fülle erfassen und wiedergeben kann. Das lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Geschichte der Alexandrowka nach dem Prinzip der stillen Post verbreitet wurde. „Der eine schreibt vom anderen ab und verdreht dabei den einen oder anderen Fakt. Das kann in der nicht wissenschaftlichen Literatur vorkommen“, erklärt der ehemalige Stadtkonservator der Landeshauptstadt Potsdam Andreas Kalesse dem POTSDAMER gegenüber. „Dazu kommt, dass der preußische König allgemein eine unglückliche Ausdrucksweise hatte. Er galt nicht gerade als rhetorisch begabt“, fügt Kalesse hinzu. Das hat vermutlich zu der berühmten Verdrehung geführt, die heute noch oft zitiert wird. „Friedrich Wilhelm III. betonte immer, dass die Alexandrowka primär ein Symbol der Partnerschaft und Freundschaft beider Länder und beider Staatsherren sei. Die zwölf russischen ‚Sänger-Soldaten‘ waren noch in Potsdam nach dem Krieg gegen Napoleon eher zufällig verblieben. Ihnen wurden vom König die neuen Häuser als Wohnort zugewiesen, um sich dort als ‚authentische Bevölkerung‘ vorzustellen. So sah es zumindest der König vor, sagt Kalesse.

Auch soll der Begriff ‚Sänger‘ für die russischen Herren zu weit gegriffen sein, denn ihre Auftritte beschränkten sich auf etwa zwei bis drei Male bei Hofe. Die zwölf Herren aus Russland waren zwar in der Kunst des Kriegs geschult, hatten aber nie eine künstlerische Ausbildung genossen, die ihnen das Singen gelehrt hätte. Vielmehr sangen sie russische Volkslieder auf Wunsch des Königs, der im Gegensatz zu anderen Zuhörern bei Hofe wohl der einzige gewesen sein mochte, dem diese Darbietungen gefallen haben.
Die Sänger-Soldaten lebten in der Kolonie Alexandrowka, aber von russischer Dorfromantik und Leben im Idyll waren sie weit entfernt. Zwar durften sie mit ihren Familien die Häuser bewohnen, ihr Alltag aber war wie der vieler ihrer Zeitgenossen davon geprägt, irgendwie über die Runden zu kommen. So machten sie sich die Architektur der Häuser zu eigen, in denen sie lebten.

Das Museum Alexandrowka. Foto: H. Kremer

IM SOMMER IM DACHGESCHOSS

Der Grundriss des Areals der Kolonie Alexandrowka

Vor allem in den warmen Sommermonaten vermieteten die russischen ‚Sänger‘ ihre Zimmer im Erdgeschoss der Häuser als eine Art Ferienwohnung. Vor allem Berliner ließen sich gerne an heißen Tagen dort nieder, um einen Hauch der Sommerfrische zu bekommen. Sie wollten sich in dörflich-authentischer Umgebung in Ruhe und frischer Luft von dem Alltag in der damals schon großen und vom Puls der Industrie erfassten Stadt Berlin erholen. Die von mittlerem Wohlstand geprägten Großstädter fanden so den gewünschten Abstand und nötige Erholung. Für die eigentlichen Bewohner war die Zeit der Untermiete jedoch weniger komfortabel.Mehrere Gäste befanden sich in den unteren Räumen und waren dort relativ bequem einquartiert. Im Gegensatz dazu zogen die Soldaten mit ihren Familien in den Verschlag unter das Dach, der nur mit einer Sackleinwand nach Außen isoliert war. Die Luft muss im Sommer dort förmlich zum Schneiden gewesen sein. Der Boden bestand lediglich aus Holzbolen, auf denen die eigentlichen Bewohner des Hauses auch schlafen mussten. Viel mehr war auch nicht möglich, denn das Dach, das in einem 45-Grad-Winkel auf dem Haus liegt, war zu niedrig, um darin richtig stehen zu können.
Am Ende der Saison zogen die Soldaten mit ihren Familien wieder in die unteren Zimmer. Für die russischen ‚Sänger‘ war das hauptsächlich ein finanzieller Gewinn, der ihnen das Leben erleichtern konnte. Wahrscheinlich zogen sie die Vermietung und das Leben im Dachgeschoss vor, weil sie sonst ihren Lebensunterhalt mit körperlicher Arbeit in ihren Gärten verbringen hätten müssen, um das Nötigste zu erwirtschaften. Die russischen Soldaten waren eben für den Kampf auf dem Schlachtfeld ausgebildet worden, mit landwirtschaftlicher Arbeit konnten sie wenig anfangen.
Zwar ließ der König während des Baus der Kolonie veranlassen, dass Obstbäume in die Gärten gepflanzt wurden., doch gingen diese aufgrund der mangelnden gärtnerischen Fertigkeiten der ‚Sänger-Soldaten‘ relativ schnell ein. Nach und nach verlor die Kolonie Alexandrowka ihre ursprüngliche Anmut und derensymbolische Bedeutung.

Zur damaligen Zeit wurden Ereignisse wie der Bau einer Kolonie selten schriftlich festgehalten. Und wenn es dazu kam, dass man zum Beispiel in Briefen oder schöngeistiger Literatur ein Wort über dergleichen verlor, erreichte es frühestens nach Jahren nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, sofern diese des Lesens mächtig war. Auch war das Interesse einfacher Bauersleute an neuester Architektur in Potsdam relativ gering.
So verschwand schon nach kurzer Zeit die eigentliche Bedeutung der Kolonie. Neben den Häusern und ihren Gärten gibt es noch ein weiteres Gebäude, das zur Kolonie Alexandrowka gehört. Auf der Anhöhe des Kappelberges befindet sich ein Bauwerk, dass es so in Deutschland nicht häufig zu finden gibt: die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kirche.
In der nächsten Ausgabe werden wir erkunden, was sich im Inneren der pastellfarbenen Fassade, die mit den typisch russischen Ikonen verziert ist, befindet und welche Geheimnisse hinter dem Eingangsportal zu finden sind.

Karl Friedrich Baptist

Quelle und Link zum vollständigen Beitrag einschließlich Bilder:
www.Der-Potsdamer.de

Mit freundlicher Genehmigung durch:
POTSDAMER – Magazin der Havelregion
Herausgeber: Steve Schulz (V.i.S.d.P.)

Links zu den bisherigen Beiträgen:
Potsdams russische Wurzeln Teil 1: Der vergessene Freund
Potsdams russische Wurzeln Teil 2: Kolonie Alexandrowka
Potsdams russische Wurzeln Teil 3: Eine Kirche fürs Dorf
Potsdams russische Wurzeln Teil 4: Leben wie vor 200 Jahren
Potsdams russische Wurzeln Teil 5: Erzdiakon Daniel Koljada
Potsdams russische Wurzeln Teil 6: Erzdiakon Daniel Koljada