Klug, selbstbewusst, ideenreich: Manal aus Syrien macht mit ihren Projekten Bornstedt zu einem internationalen Treffpunkt

Integrationspreis für die Multi-Kulti-Küche – Manal ganz vorne

Es ist draußen schon dunkel, als ich an der Haustür der Alhamwiahs klingle. Manal wohnt mit ihrer Familie in der Nähe des Volksparks in einer geräumigen Neubauwohnung. Der Weg führt in den zweiten Stock. Manal wartet an der Wohnungstür, öffnet sie weit und begrüßt mich so herzlich, als wären wir schon viele Jahre lang befreundet. „Komm rein, ich freue mich, dich kennenzulernen“, sagt die 43-Jährige und führt mich in den Flur, wo mich auch ihr Mann Hassan (45) begrüßt.

Gemeinsam nehmen wir im hell erleuchteten Wohnzimmer Platz. Es ist schlicht eingerichtet: Die Wände sind weiß, die Sofagruppe grau; die offene Küche haben die beiden mit einem grauen Vorhang vom Wohnzimmer abgetrennt. Eine silberne, mit Ornamenten reich verzierte Schatulle in Form eines Buches liegt auf einem kleinen Tisch neben der Sitzgruppe und zieht meinen Blick auf sich. „Das ist eine Aufbewahrungsbox für den Koran“, erklärt Manal und öffnet sie für mich. Statt der heiligen Schrift des Islam liegen in der Box Zettel und mehrere Briefe. Sie sehen offiziell aus, nach deutscher Behördenpost.

Manal lacht. Es ist eine Situation, die typisch ist für das Leben der Alhamwiahs. Das Leben der Familie folgt einer ganz eigenen Ordnung. In ihrem Leben verbinden sich Koran und deutsche Amtsschreiben, syrische Traditionen und deutscher Alltag. Es ist eine Ordnung, die im Chaos des syrischen Bürgerkriegs ihren Ursprung hat und deren Organisation immer noch einige Anstrengung erfordert. Auch heute, zehn Jahre nach der Ankunft in Deutschland und trotz der großen Selbstverständlichkeit, mit der die Familie inzwischen zu Potsdam gehört.

Aufbewahrungsbox für den Koran, arabischer Kaffee und Sesamplätzchen

Multi-Kulti-Küche, Arabischtreff und Sprachcafé

Dass sich Bornstedt für die Alhamwiahs mittlerweile wie eine zweite Heimat anfühlt, ist vor allem Manal zu verdanken. Durch ihre Kommunikationsfreude und ihr Sprachtalent gewann Manal in Deutschland schnell Freundinnen und Freunde und lernte die Sprache. „Zuerst habe ich Englisch gesprochen. Dann habe ich Deutsche getroffen und Englisch mit Deutsch vermischt. Über das Bildungscafé und das Sprachcafé habe ich dann immer mehr Deutsch gelernt und schließlich selbständig die B1-Prüfung gemacht“, erzählt Manal.

Zunehmend ging das Lernen in ehrenamtliches Engagement über. Heute ist Manal aktiv im AWO-Sprachcafé in der Alten Druckerei in der Sellostraße. In Bornstedt leitet sie den Arabischtreff im Stadtteilladen und bringt dort Interessierten die arabische Sprache und Kultur näher: durch Geschichten, Lieder, Spiele, gemeinsames Kochen und Arabischunterricht.
Ihr drittes Projekt: Mit weiteren Ehren- und Hauptamtlichen organisiert sie die „Multi-Kulti-Küche“. Einmal im Monat kommen hier beim gemeinsamen Kochen Nachbar:innen aus verschiedenen Nationen zusammen, zum Beispiel aus Syrien, der Ukraine, Deutschland, Russland, Irak und Sudan. Die Multi-Kulti-Küche findet an verschiedenen Orten statt: im Stadtteiladen Bornstedt, im Friedrich-Reinsch-Haus am Schlaatz, im Oskar in Drewitz und im Freiland. 2024 gewann die Multi-Kulti-Küche den Integrationspreis der Stadt Potsdam in der Kategorie „Projektidee“.

Vier Töchter, viele internationale Freundschaften

Manal lächelt stolz. „Ich mag Kochen und Backen sehr“, sagt sie. Wie zum Beweis springt die zierliche Frau auf und geht in die Küche, um arabischen Kaffee zuzubereiten. Er wird in kleinen Mokkatässchen mit Goldrand serviert. Dazu gibt es selbstgebackene Sesamplätzchen, „die mögen meine deutschen Freunde besonders gern“, sagt sie und schmunzelt.
Noch wichtiger als die Essenszubereitung ist für Manal allerdings die Gemeinschaft, die aus gemeinsamen Aktivitäten entsteht. Sichtlich beglückt zeigt sie auf ihrem Handy Fotos von vollen Einkaufswagen, fröhlich lachenden Menschen beim Kochen und Schüsseln voller köstlicher Gerichte – Momentaufnahmen aus der Multi-Kulti-Küche. Auch Fotos von einer deutschen Hochzeit, auf der ihre Familie im Sommer eingeladen war, hat sie parat: Aus einigen Bekanntschaften sind innige Freundschaften geworden. Darüber hinaus zählen viele Menschen aus Potsdams arabischer Community zu ihrem Freundeskreis. „Wir sind mit etwa 20 arabischen Familien gut befreundet und unternehmen immer wieder etwas zusammen“, sagt Manal.


Buffet bei der Multi-Kulti-Küche

Manal legt viel Wert darauf, dass auch ihre Kinder vielfältige Freundschaften pflegen und in ihren Klassengemeinschaften gut integriert sind. Manal und Hassan haben vier Töchter, zwei davon sind in Deutschland geboren. Die Mädchen besuchen die erste, zweite, fünfte und achte Klasse. Als Manal den Eindruck hatte, dass deutsche Familien gegenüber ihren Kindern etwas kontaktscheu waren, lud sie die Mütter kurzerhand zur Geburtstagsfeier der Tochter mit ein. Die Fotos vom Fest zeigen eine harmonische Runde. Bei einer anderen Tochter veranstaltete Manal die Feier großzügig im Dino-Dschungel – auch sie wurde ein Erfolg. „Es ist wichtig, sich näher kennenzulernen“, sagt Manal.

Warmherzig, stark und selbstbewusst

Während des Gesprächs hält sich Manals Mann Hassan still im Hintergrund. Liebevoll hat er seinen Arm um die jüngste Tochter gelegt, die mit zwei Schwestern zu ihm aufs Sofa geklettert ist und sich an ihn kuschelt. Hassan verfolgt die Unterhaltung aufmerksam, lässt Manal übersetzen, was er sagen möchte. Es sind Worte großer Wertschätzung. „Meine Frau ist sehr warmherzig“, sagt er, „und sie ist stark und selbstbewusst.“ Gleich auf den ersten Blick habe er sich in sie verliebt – wegen ihrer schönen Hautfarbe und ihrer Augen.


Manal mit Ehemann Hassan und jüngster Tochter

Getroffen haben sich Manal und Hassan in ihrer Heimatstadt Hama. Hama ist die viertgrößte Stadt Syriens und strategisch wichtig zwischen Aleppo im Norden und Damaskus im Süden gelegen. Hassan arbeitete in Hama als Krankenpfleger in einer Klinik, Manal im Gebäude nebenan in der Verwaltung. „Ich sah Hassan täglich an der Bushaltestelle stehen, er fiel mir auf“, sagt Manal. Doch bis auf ein kurzes Grüßen kam es nie zu einem näheren Kontakt – sieben Jahre lang. Bis Manals Mutter schwer an Krebs erkrankte. Zu diesem Zeitpunkt war Manal 25 Jahre alt.

Durch Hassans unbürokratische Hilfe gelang es Manal, trotz eines fehlenden Papiers rechtzeitig an ein dringend notwendiges Medikament für ihre Mutter zu kommen. Das hat sie ihm nie vergessen. Auch im weiteren Verlauf der Krankheit stand er ihr zur Seite. „Er hat mir sehr geholfen mit meiner Mutter, er war total nett“, sagt Manal und schaut ihn liebevoll an. „Hassan unterstützt mich immer. Er ist stark in schwierigen Situationen. Und er vertraut mir. Ich darf sehr viel, etwa mich mit fremden Menschen treffen und allein mit dem Auto wegfahren. Das ist in unserer Kultur nicht selbstverständlich.“

Bereit, für die Liebe zu kämpfen

Wie groß die kulturellen Unterschiede sind, wird in der Geschichte von Manals und Hassans Vermählung deutlich. „Weil meine Mutter todkrank war, wollte sie, dass ich schnell heirate und dadurch abgesichert bin, ich war mit 25 Jahren für syrische Verhältnisse ja eh schon alt für eine Braut“, erzählt Manal. „Eines Tages sagte meine Mutter also zu mir, dass eine andere Familie zu Besuch käme, um die weiteren Schritte zu besprechen.“ Zu 21 Uhr seien die Mutter des Bräutigams und dessen Schwester angekündigt gewesen. Etwas später sollten die Väter dazustoßen, um sich auszutauschen.

„Ich war sehr aufgebracht und wollte den Prozess aufhalten, schließlich war ich da bereits in Hassan verliebt. Doch ich bat vergeblich“, erinnert sich Manal. Die Familie traf ein – und zu Manals großen Erleichterung stellte sich heraus, dass es Hassans Familie war. „Hassan ist schüchtern mit Frauen, aber bei mir war er schnell und hartnäckig“, sagt Manal und lacht. Allerdings war Manals Vater zunächst gegen die Verbindung. Nach ein paar Tagen wurde Hassans Mutter noch einmal vorstellig, und die Hochzeit wurde beschlossen. So kam es, dass Manal und Hassan 2009 offiziell ein Paar wurden – zwei Monate nach dem ersten Werben.
Durch den Tod von Manals Mutter, eine Fehlgeburt, Hassans Krankheit – er hat seit seiner Kindheit schwer Diabetes – und den Beginn des Krieges 2011 war das Leben des jungen Paares von Anfang an nicht frei von Schwierigkeiten. Die größte Prüfung hatten die beiden allerdings 2015 zu bestehen, als sie sich entschieden, nach Europa zu flüchten, gemeinsam mit ihren beiden Töchtern, damals vier Jahre und ein Jahr alt.

Lebensgefährliche Flucht nach Deutschland

Es war ein Entschluss aus größter Not. Die Flucht war lebensgefährlich – das Ausharren im Kriegsgebiet aber auch. „Hassan wäre gestorben, wenn wir in Syrien geblieben wären, allein wegen des Medikamentenmangels“, so Manal.

Die beiden verpfändeten ihr Hab und Gut an einen Onkel und erzählten herum, dass sie eine Tante im Libanon besuchen wollten. Tatsächlich investierten sie das Geld in einen heimlichen Lkw-Transport und eine Schlauchboot-Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. Über die Balkanroute kam die Familie im September 2015 in Passau an und wurde zunächst nach Schweden gebracht. Nach drei Monaten in Stockholm hätten sie eine Aufforderung erhalten, dass Hassan in Deutschland gemeldet sei und zurückkommen solle, erzählt Manal. So fuhr die Familie über Hamburg nach Eisenhüttenstadt und landete in einer Gemeinschaftsunterkunft in Frankfurt/Oder. Hassan sei es damals sehr schlecht gegangen, eines Tages sei er in Ohnmacht gefallen, sagt Manal. Der schwer Diabeteskranke wurde in eine Klinik eingeliefert; es brauchte 45 Tage, um ihn zu stabilisieren.

Während Manal diese existenziellen Wochen schildert, nickt Hassan immer wieder und ergänzt Details. Die Ereignisse und Gefühle rücken so nah, als würde man sie selbst miterleben. Ich spüre: Die Flucht aus Syrien mag schon zehn Jahre her sein, doch die Erinnerungen sind höchst lebendig und haben Manal und Hassan tief geprägt.


Manal mit ihren vier Töchtern

Wie die Wahl auf Potsdam fiel

Während Hassan in Frankfurt/Oder in der Klinik lag, um zu genesen, nutzte Powerfrau Manal die Zeit, um in Deutschland anzukommen und Fortschritte für sich und ihre Familie zu erwirken. „Ich bin so froh, dass ich Englisch kann, das hat mir sehr geholfen“, sagt Manal.

Sie begann, für die Sozialarbeiter:innen in der Gemeinschaftsunterkunft zu dolmetschen und systematisch Deutsch zu lernen. Schließlich bekam Manal sogar einen Minijob als Übersetzerin angeboten – und man versprach ihr Hilfe dabei, einen festen Wohnsitz für ihre Familie zu finden. „Da habe ich auf die Karte geschaut und gesagt: Ich möchte gerne nach Potsdam.“ Sie habe gesehen, dass es hier Lidl und Kaufland gebe, das habe sie überzeugt. Im Nachhinein muss Manal darüber lachen – weil sie inzwischen natürlich weiß, dass in Deutschland alle Städte mit Supermärkten sehr gut versorgt sind.

Manal mit deutschen Freundinnen von der Multi-Kulti-Küche

Heute schätzt Manal an Potsdam vieles mehr. „Potsdam hat eine sehr gute Atmosphäre. Die Stadt ist nicht zu groß und sehr schön“, sagt sie. Sechs Jahre lang lebte sie mit ihrer Familie in der Zeppelinstraße, wegen einer Wohnraumsanierung zogen sie nach Bornstedt um. „Hier ist es ruhig, es gibt viel Natur. Ich bin zufrieden mit der Nachbarschaft und wir haben alles, was wir brauchen, in der Nähe: die Schule, den Supermarkt, Ärzte.“ Sie freut sich, wie gut ihre Kinder in der Schule klarkommen und dass Hassan seine schwere Krankheit im Griff hat.

Sie hätte gerne Jura studiert

Trotz der guten Bedingungen ist Manal manchmal wehmütig. Weil das Leben in Deutschland so ganz anders ist als in der Heimat, weil ihre vertraute Verwandtschaft weit weg ist. Eine Schwester lebt in Norwegen, aber auch das ist eine lange Reise. Umso mehr pflegt sie ihr soziales Netzwerk. Manche Gewohnheiten in Deutschland sind ihr immer noch fremd, zum Beispiel, dass man sich hier nicht erst um 21 Uhr verabredet. Aber sie hat gelernt, das Andersartige als gegeben hinzunehmen, zu respektieren oder sogar als Bereicherung anzuerkennen – so, wie sie es sich auch für ihre Familie wünscht.

Vor allem aber wird Manal traurig, wenn sie an ihre beruflichen Träume denkt. „Ich wollte gerne Jura studieren und Richterin werden. Der Krieg hat alles kaputt gemacht.“ In Deutschland hat Manal neben ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten schon einige Weiterbildungen und Praktika absolviert. Vor Kurzem hat sie mit einer Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement begonnen. Die Arbeit macht ihr Spaß und fällt ihr leicht. Dennoch bringt sie Manal an ihre Grenzen. „Ich bin den ganzen Tag nur am Rennen, bin abends völlig kaputt. Manchmal frage ich mich, wie ich das durchhalten soll.“

Was sich Manal am meisten wünscht, ist Zeit. Es ist ein Wunsch, den sie mit vielen teilt, die hierzulande oder anderswo geboren wurden und jetzt in Potsdam leben. Wohl auch deshalb ist es Manal so wichtig, anderen Menschen und sich selbst glückliche, unbeschwerte Momente zu schenken – etwa beim gemeinsamen Kochen. Weil Momente wie diese das Zeitgefühl vergessen lassen und noch lange positiv nachwirken.

Text: Beatrix Fricke
Dezember 2025