Potsdam-Bornstedt – Annäherung an einen Stadtteil

Zwischen historischer Kulturlandschaft und moderner Stadtentwicklung liegt im Norden der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam der Stadtteil Bornstedt. Mit inzwischen über 16.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gehört Bornstedt zu den dynamisch gewachsenen Quartieren. Einst von Fontane als „Rückwand von Sanssouci“ betrachtet, hat sich innerhalb kurzer Zeit ein ehemals peripherer Raum zu einem urbanen Lebensort des 21. Jahrhunderts entwickelt.

Hier, nördlich des Stadtzentrums, ist in den vergangenen Jahrzehnten etwas entstanden das es so im Land Brandenburg kein zweites Mal gibt: ein historisch vielfältiger Ort, der die Herausforderungen der Neuzeit angenommen hat und einfach neugierig macht. Was einst dörflich entstand, preußisch geprägt und später lange von militärischer Nutzung bestimmt wurde, ist heute ein vielfältiger Lebensraum für Familien, Studierende, Berufstätige und Senior:innen. Diesen Wandel zu erleben, macht Bornstedt so reizvoll.

Zwischen Dorfkern und Neubaugebiet

Bornstedt ist kein Stadtteil „aus einem Guss“. Vielmehr ist es ein Mosaik unterschiedlicher Quartiere zwischen Pappelallee und Maulbeerallee im Süden, der Amundsenstraße im Westen, der Nedlitzer Straße im Osten, der Grenzallee im Norden. Diese liegen eingebettet in der oft besungenen Brandenburger Landschaft der Seen, der Hügel und der ökologisch einmaligen Wälder und Gärten. Das macht seinen Reiz aus.

Um den alten Dorfkern, der auf das 12./13. Jahrhundert gründet, ist die Bodenständigkeit und Verbundenheit der Bewohner zu Bornstedt spürbar. Schmale Straßen, historische Gebäude und gewachsene Strukturen erzählen von der langen Geschichte des Ortes. Künstlerfamilien wie Joop, Sprotte oder Fleming geben dem Ortsteil heute ein weltoffenes Flair. Das Krongut, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, erzählt die Liaison der englischen Kronprinzessin Victoria und Friedrich Wilhelm III. von Preußen, später König von Preußen und Deutscher Kaiser. Die Gartengestalter Lenné und Sello schufen hier ein gärtnerisches Juwel. Unweit davon befindet sich der Bornstedter Friedhof mit den Grabstätten der erwähnten Hofgärtner und zahlreichen Persönlichkeiten der Potsdamer Geschichte. Eine Rarität ist die letzte Ruhestätte eines Freiherrn, der angeblich in einem Weinfass begraben wurde.

Nur wenige Minuten entfernt öffnet sich jedoch eine ganz andere Welt: moderne Wohnanlagen, großzügige Grünflächen und klar geplante Straßenzüge prägen das Bild. Dazwischen, in der Gartenstadt, wechseln sich Reihenhäuser mit mondänen Eigenheimen ab, während sich das Areal um den Johan-Bouman-Platz zu einer Art Stadtteilzentrum mit Nahversorger-Funktion entwickelt hat. Auf der westlichen Seite dagegen dominiert der Geschoßwohnungsbau als Antwort auf den Mangel an Wohnraum in der Landeshauptstadt. Dazwischen, wie aus der Zeit gefallen, stolpert man über Siedlungen der 20er und 30er Jahre. Und dann ist da noch die Biosphäre Potsdam, eine ökologische Kostbarkeit, die immer wieder Kinder und Jugendliche über die Artenvielfalt, ökologische Kostbarkeiten und notwendiges Umweltbewusstsein anregt. Der moderne Campus der Fachhochschule mit studentischem Leben macht diesen Stadtteil lebendig, farbenfroh und vielfältig. Wanderfreunde und Liebhaber der Natur zieht es unbedingt in die Lennésche Feldflur, zum Bornstedter See und natürlich, als zentraler Ankerpunkt, in den Volkspark Potsdam. Dieser ist entstanden aus der Bundesgartenschau 2001. Heute ist er Treffpunkt, Erholungsraum und grüne Mitte des Stadtteils. Hier joggen Anwohner:innen, spielen Kinder und treffen sich Nachbar:innen. Moderne Freizeitsportanlagen laden zum Skating, Beach-Volleyball, Skateboard oder Frisbee ein.

Diese Nähe von Alt und Neu, von Geschichte und Gegenwart, ist typisch für Bornstedt. Und sie sorgt dafür, dass ganz unterschiedliche Lebensentwürfe hier ihren Platz finden.

Der große Umbruch nach 1990

Die entscheidende Zäsur für die Entwicklung Bornstedts erfolgte nach 1990. Mit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte wurden große Flächen im sogenannten Bornstedter Feld frei – ehemalige Kasernen, Übungsplätze und militärische Brachen.

Was zunächst als Herausforderung erschien, entwickelte sich zu einer einmaligen Chance: Unter Federführung des städtischen Entwicklungsträgers – eingebunden in den Unternehmensverbund der Pro Potsdam – begann eine der größten Stadtentwicklungsmaßnahmen in den neuen Bundesländern.

Dabei ging es nicht nur um Neubauten. Auch wurden alte, vormals militärisch genutzte Gebäude erhalten, nach den heutigen Bedürfnissen und Standards umgebaut und einer zivilen Nutzung zugeführt. Der Prozess einer umfassenden Konversion wurde hier in Gang gesetzt. Ein Umwandlungs- und Veränderungsvorgang einer militärischen Anlage in ein Wohngebiet mit einer adäquaten Infrastruktur. Die Nähe zur Natur, die gute Anbindung an die Innenstadt von Potsdam durch Bus und Bahn und nach Berlin, machen Bornstedt für viele attraktiv. Zugleich entstanden drei Schulen unterschiedlichen Typus, Kindereinrichtungen, moderne Abenteuerspielplätze und Bolzplätze.

Medizinische Einrichtungen, wie Hausarzt- und Zahnarztpraxen sowie mehrere physiotherapeutische Einrichtungen sichern die Grundversorgung der Bevölkerung. Für ältere Menschen stehen drei unterschiedliche Senioren- und Pflegeheime in der Nähe zu den Parkanlagen zur Verfügung. Schließlich sichert eine sehr gut gerüstete Freiwillige Feuerwehr das Hab und Gut der Anwohner:innen vor Bränden und anderen Katastrophen.

Hier gibt es Einfamilienhäuser neben modernen Wohnblöcken, Eigentumswohnungen neben gefördertem Wohnraum, ruhige Wohnstraßen neben lebendigeren Bereichen. Studierende wohnen in direkter Nachbarschaft zu Familien, ältere Menschen finden barrierearme Angebote in ihrem Umfeld. Zwei kirchliche Einrichtungen sorgen für eine seelsorgerische Betreuung der Menschen.

Leben in Bornstedt heute

Wer heute durch Bornstedt geht, erlebt einen Stadtteil im Alltag: Kinder auf dem Weg zur Schule, Cafés mit Außenplätzen, Spielplätze voller Leben. Gleichzeitig gibt es noch immer Ecken, die an die jüngere Vergangenheit erinnern – Übergänge, Baustellen, Flächen im Wandel.

Bornstedt ist kein fertiger Stadtteil. Auf vielen Gebäuden hat sich noch keine Patina gebildet, viele Menschen kommen noch an, oder sind auf der Durchreise. Gleichzeitig lernen sich immer mehr Menschen durch soziale und kulturelle Angebote im Stadtteil kennen –Bekanntschaften und Freundschaften entstehen. Die Basis für eine lebendige Nachbarschaft.

Gleichzeitig bringt das Wachstum Herausforderungen mit sich: Fragen der sozialen Durchmischung, der Mietpreisgestaltung, der Verkehrsanbindung und der Identitätsbildung eines „neuen“ Stadtteils stehen im Mittelpunkt aktueller Diskussionen.

Diese Themen beschäftigen Stadtplanung und Bewohner:innen gleichermaßen. Denn ein Stadtteil wächst nicht nur durch neue Gebäude, sondern auch durch funktionierende Nachbarschaften.

Hier setzen Stadtteilarbeit und Vereine an. Sie versuchen die langfristige Entwicklung im Blick zu behalten, um Wachstum und Lebensqualität in Einklang zu bringen.

Blick nach vorn

Bornstedt ist noch lange nicht „fertig“. Weitere Bauprojekte, wie ein neues Gymnasium mit der Anbindung eines vielfältigen Ortes der Stadtteilarbeit sind im Entstehen. Neue Quartiere und infrastrukturelle Veränderungen werden den Stadtteil auch in den kommenden Jahren verändern. Kulturelle Einrichtungen, die Kneipe um die Ecke und eine Begegnungsstätte für alle Menschen aus dem Stadtteil stehen auf der Wunschliste der Bürgerinitiativen.

Gleichzeitig stellt sich eine zentrale Frage: Wie entwickelt man Identität in einem Stadtteil, der zu großen Teilen neu entstanden ist?

Die Antwort liegt vermutlich genau in dem, was Bornstedt heute schon ausmacht: Vielfalt, Offenheit und die Verbindung von Geschichte und Moderne. Wenn es gelingt, diese Qualitäten zu bewahren und weiterzuentwickeln, hat Bornstedt beste Chancen, sich zu einem lebendigen Stadtteil zu entwickeln.

Text: Christian Kube, Stadtteilkoordination und Werner Peplowski, Bornstedter Autor