Martin-Max Zühlke macht Unmögliches möglich
Wie ein Eventmanager die Villa Feodora rettete: Ein Besuch am Schulplatz

Im Herzen Bornstedts, am Schulplatz, befindet sich ein Kleinod mit Historie: die Villa Feodora. Dichte Büsche und hohe Laubbäume umgeben das 1912 im englischen Cottage-Stil errichtete Haus. Das Grün steht im Kontrast zu den tausenden Autos und Lkw, die die Potsdamer Straße und die Pappelallee täglich entlang brettern. Und es verleiht der Villa und dem Grundstück rundherum den Charakter eines verwunschenen Ortes. Es ist ein besonderer Ort mit vielen Facetten. Dazu trägt Hausherr Martin-Max Zühlke entscheidend bei.
Leger in Jeans und Pullover gekleidet, auf dem Kopf ein Basecap, öffnet Martin-Max Zühlke das Eingangstor an der Potsdamer Straße. Um seine Beine streicht Katze Dora. Zühlke lächelt freundlich und führt Besuchende routiniert über das Gelände. Das ist Teil seiner Arbeit: Der 57-Jährige hat das einstige „Prinzeß Feodora Jugendheim“ zu einer Eventlocation ausgebaut.
Hochzeiten, Team-Events, Firmenfeiern, Geburtstage: Im Garten mit Bühne, Bar und Feuerstelle und in der Villa mit Festsaal und Buffetraum finden kleine und große Gesellschaften statt. Nicht nur Potsdamerinnen und Potsdamer feiern hier, auch Hochzeitspaare aus Berlin und aus dem Umland haben die Location für sich entdeckt. Es gab sogar schon Brautpaare aus Brasilien, Kolumbien, Spanien, Großbritannien, Polen und Russland, die in der Villa auch ihren Bezug zu Bornstedt zelebrierten.

Wo jeder Stein Geschichte atmet
Die treuesten Gäste seien allerdings die ganz alten Bornstedterinnen und Bornstedter, sagt Zühlke – vor allem die Ortsgruppe 78 der Volkssolidarität. Viele Menschen aus der Nachbarschaft hätten früher in der Villa Feodora geturnt, ergänzt er. Dazu muss man wissen: Geplant wurde das Haus Anfang des 20. Jahrhunderts für die Bornstedter Jugend, genutzt wurde es von Kirche und Stadt. Im Zentrum stand eine Turnhalle, der heutige Festsaal.
„Das Jugendheim beheimatete über viele Jahre zwei Turnvereine: Germania und Kaiser Friedrich“, erklärt Zühlke. Einer sei der NS-Zeit zum Opfer gefallen, die „Kaiserlichen“ hätten 1988 ihr 100-Jähriges in den Elsässer Weinstuben gefeiert. Zudem sei das Jugendheim auch als Gemeindehaus, Büro, Bibliothek, Lagerraum, von einer Funkerkompanie und sogar als Klassenzimmer und für Gottesdienste genutzt worden. Das Haus am Schulplatz: ein Hort der Erinnerungen.
Man kann sich gut vorstellen, wie die betagten Herrschaften der Volkssolidarität bei Kaffee und Kuchen an den langen, rustikalen Tischen in der einstigen Turnhalle zusammenkommen und Erinnerungen austauschen. Wo ginge das besser als an diesem Ort, wo jeder Stein, jeder Balken, jedes Einrichtungsstück Geschichte atmet. Das ist Martin-Max Zühlke zu verdanken: Er hat sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des mehr als 100 Jahre alten Hauses zu bewahren und mit Bedacht fortzuschreiben.
Zwischen Abenteuerlust und Größenwahn
Zühlkes erste Begegnung mit dem einstigen Jugendheim ist rund 20 Jahre her. Damals war das Haus noch im Besitz der Bornstedter Kirchengemeinde. Ein Mitglied des Gemeindekirchenrats, Bertram Peters, bat den bestens vernetzten Eventmanager Zühlke, sich doch bitte mit nach einem Kaufinteressenten umzuhören, und arrangierte eine Besichtigung.
„Was für ein schauerlich-schönes Gebäude“ habe er beim Betreten der Villa gedacht, erzählt Zühlke und lacht. „Auf den Tischen standen leere Kaffeekannen und -tassen, alles wirkte wie gerade erst verlassen, wie eine Filmszene in Sepia, das Außengelände etwas verwildert.“
Doch etwas in ihm fing Feuer. Da war die Chance, nach Jahren des Herumreisens von Projekt zu Projekt einen eigenen Standort aufzubauen. Da war die Idee, dem alten Haus zu neuem Glanz zu verhelfen. Zühlke fasst seinen Entschluss, das Haus selbst zu kaufen oder irgendwie an sich zu ziehen, augenzwinkernd so zusammen: „Ich übernahm in einem Anflug von Abenteuerlust und Größenwahn.“

In der Schule lauter Einsen, nur in Betragen eine Drei
Um diesen mutigen Schritt zu verstehen, ist ein Blick auf Zühlkes Biografie hilfreich. 1968 geboren, wuchs Zühlke in der Teltower Vorstadt auf, in der Kunersdorfer Straße 7 – zwischen Kottmeierstraße und Am Brunnen, zwischen schönen alten Häusern mit Gärten und altehrwürdigem Baumbestand. „Ich war wohl ein sehr aufgewecktes Kind, heute würde man wohl sagen, ich war hyperaktiv“, sagt Zühlke. „In der Schule hatte ich lauter Einsen, nur in Betragen eine Drei, weil ich das Geschehen, sagen wir mal, kreativ vorangetrieben habe.“ Die POS 6 am Waldrand der Ravensberge prägte Kindheit und Jugend.
Sein Abitur legte Zühlke an der EOS 1 ab, heute das Humboldt-Gymnasium. Daran schloss sich während seiner Zeit bei der Armee eine Ausbildung zum Flugzeugmechaniker an. „Ich wollte etwas Technisches machen“, erzählt Zühlke, dessen Mutter Bauzeichnerin und Tiefbauingenieurin war. Auch sein Vater diente ihm als Vorbild: Nach dem Abitur und einer
anschließenden Lehre zum Elektromontageschlosser und dem Studium der Verkehrs-ökonomie stieg dieser vom Territorial- zum Landesplaner in der brandenburgischen Landesregierung auf.
Dies brachte Zühlke auf die Idee, in Weimar Stadt- und Gebietsplanung zu studieren. „Mir war aber klar, dass ich kein Büromensch oder Beamter werden wollte“, sagt Zühlke und ergänzt mit der ihm typischen Deutlichkeit: „In einer Behörde gibt es so viele ermüdende Abstimmungsprozesse, da wird man nicht glücklich.“

Student, Clubmanager, Werber
Durch die Fokussierung auf das nach der Wende noch recht neue Gebiet des Stadtmarketing fand Zühlke eine Nische, die ihn interessierte und inspirierte. Vor allem aber geriet er in Weimar in den Bann der studentischen Clubszene. Er wurde stellvertretender Clubleiter des weithin bekannten „Jakob“ – ein Schritt, zu dem man ihn überredet habe und der zu schnell gegangen sei, merkt Zühlke rückblickend selbstkritisch an.
Es sei ein anspruchsvoller Job gewesen, mit vier Bargruppen, Bau, Organisation und Werbung, einer Clubleitung aus elf Mitgliedern und einem Team aus 30 Studierenden, die ein volles Jahresprogramm umgesetzt hätten – vom berühmten Faschingswochenende über Konzerte und Tanzabende bis hin zu ganz unterschiedlichen kulturellen Veranstaltungen. „Nebenbei das Studium, und dann gründete ich auch noch eine Werbeagentur, entwickelte Firmendesigns und machte für die Stadtentwicklungsgesellschaft in Weimar Videos zur Stadtsanierung“, erzählt Zühlke fast schon atemlos. Als prägend in dieser Zeit beschreibt er auch einen mehrwöchigen Studienaufenthalt in Mosambik zu Formen und Wirkungen von Entwicklungshilfe und die Teilnahme an einem Kongress in Stockholm zu Nachhaltigkeit in der Regionalentwicklung.
Es war eine intensive Zeit des Lernens und Ausprobierens, die Zühlke später bei der Villa Feodora zugute kam. „Die zweijährige Grundausbildung zum Architekten mit Fächern wie gestaltendes Entwerfen, Statik, Baustoffkunde, Baukonstruktionslehre, Dorfentwicklung, Soziologie, Stadt- und Landschaftsplanung waren ganz wichtige Grundlagen beim späteren Projekt Feodora“, sagt Zühlke. Dazu natürlich die Erfahrung im Eventmanagement und im Marketing aus dem Studentenclub.

Unmögliches möglich machen
Menschen bewegen, sie begeistern, kreativ sein, Unmögliches möglich machen, helfen: Das ist Zühlkes Leidenschaft und Antrieb. Hinzu kommt ein großes Stück Heimatverbundenheit. Nach dem Studium war Zühlke vor allem eines klar: Er wollte zurück nach Potsdam.
Beruflich fasste er bei einer Berlin-Brandenburger Trainingsagentur Fuß, für die er Corporate Design- und Marketingkonzepte entwickelte und Messekonzepte in ganz Europa umsetzte. Nebenbei studierte er Direktmarketing, wurde Trainer, gab Seminare und Workshops für verschiedene Weiterbildungsträger.
Schließlich machte er sich wieder als Eventmanager selbständig, um seine vielen Ideen im eigenen Tempo verwirklichen zu können. 1998 gründete er die Full-Service-Agentur „Hummi Events“, arbeitete für Kunden wie das Marktcenter und die Entwicklungsgesellschaft Dreilinden, die Wildauer Wohnungsgenossenschaft, BMW-Mini und Witty´s aus Berlin. 15 Jahre lang war im Vorstand des Marketing-Club Potsdam und Ausbilder sowie im Prüfungsausschuss der IHK.
Auf dem Firmenlogo der „Hummi“-Agentur: eine Hummel. Sie ist für Zühlke ein Symbol für Fleiß, Ausdauer, Entschlossenheit, Produktivität und Fröhlichkeit. Es sind Eigenschaften, die Zühlke nach dem Kauf der Villa Feodora im Jahr 2006 auch für deren Sanierung dringend brauchte. Sie wurde zu einem gigantischen Kraftakt, der immer noch andauert. Rund 100.000 Stunden Eigenleistung, jährlich fünfstellige Investitionen aus dem laufenden Betrieb, immer neue To Dos: Das ist die Bilanz bis heute.

Zwischen Sektkübel und Arbeitshandschuhen: Leben in der Villa Feodora
Manchmal ist er einfach müde
Mit raschen Schritten läuft Martin-Max Zühlke durch die Villa Feodora, erläutert hier die Bausubstanz, dort Einrichtungsgegenstände wie die alte Bestuhlung. Es gibt nichts, was er nicht schon in seinen Händen hatte. Mithilfe von Familie, Freunden und vielen Handwerkern hat er in unzähligen Arbeitseinsätzen das Haus erst gesichert, dann modernisiert und gestaltet – vom feuchten Keller bis zum morschen Dach.
„Auch die technische Infrastruktur wie Elektrik, Heizung und Sanitäranlagen war marode, alles musste komplett neu installiert werden“, so Zühlke. Im Außenbereich wurde gerodet, befestigt, gepflastert, neu gepflanzt; Stück für Stück kamen ein Kinderspielbereich, eine Bühne, eine Arena und Pavillons hinzu. Die Anforderungen des Denkmalschutzes machten die Arbeiten nicht einfacher und vor allem teurer. Seit 2012 ist die Villa Feodora als Einzeldenkmal geschützt. Zuvor befand sie sich im Ensembleschutz des Randbereichs des UNESCO-Welterbes.
Martin-Max Zühlke hält im Erzählen inne. Einerseits wirkt er stolz. Doch zugleich schaut er nachdenklich, fast schon betrübt. Warum? „Ich weiß, dass ich die Villa Feodora gerettet habe“, sagt er. „Aber es funktioniert nicht vollumfänglich. Ich bräuchte wohl zwei Millionen und nochmal 20 Jahre, um all das zu tun, was zu tun ist.“ Keiner weiß es besser als Zühlke: Er wohnt auch privat in der Villa Feodora, erlebt Tag und Nacht, wo es noch hapert. Allein der Garten: Er braucht konstant Pflege, um Zühlke nicht buchstäblich über den Kopf zu wachsen. Und schön soll alles natürlich auch aussehen, damit das Ambiente bei den Events stimmt.
Manchmal fühlt sich Zühlke müde. Er liebt die Villa, er liebt seine Arbeit. Aber auch die Veranstaltungen – rund 80 sind es pro Jahr – gehen ihm zunehmend an die Substanz. Da hilft es auch nicht, dass ihn ein Team unterstützt, welches er als außergewöhnlich freundlich, offen, engagiert und fit beschreibt. „Bei einer Hochzeit bauen wir ab 6 Uhr auf und arbeiten durch bis nachts um 4 Uhr. Jeder kennt das in der Eventszene. Das wird mir inzwischen echt zu viel“, gibt er zu.
Der Traum von der heilen Familie platzte
Auch in seinem Familienleben hat das „Projekt Feodora“ Spuren hinterlassen. Zühlke hat drei Töchter. Die mittlere trägt sogar den Namen Feodora, nach dem Haus und der namensgebenden Prinzessin Feodora. 2008 war die Mutter von Zühlkes beiden jüngeren Töchtern mit an den Schulplatz gezogen – und 2015 mit den Kindern wieder aus.
Dass die Villa Feodora eine einzige große Baustelle gewesen sei, sei dem Zusammenleben „nicht gerade förderlich“ gewesen, sagt Zühlke. Er habe sich nach der Trennung in die Arbeit gestürzt und um die Kinder gekämpft – mit Erfolg. Doch als diese in Potsdam, weit weg von der Mutter, unglücklich wurden, verzichtete er auf sein Recht. „Ich wurde der Wochenend- und Urlaubspapa“, sagt Zühlke, und seine Stimme wird brüchig. „So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“ Obwohl er mit den Töchtern heute ein sehr gutes Verhältnis habe, bedrückt ihn, dass er den Alltag mit den Kindern, das „Aufwachsen sehen“, verpasst habe.
Wenn Zühlke heute eine Hochzeit in der Villa Feodora ausrichtet, kann er sich jedoch trotz seiner persönlichen Erfahrungen mit dem Hochzeitspaar freuen. „Das finde ich schön, wenn das Herz über den Verstand siegt“, sagt er lächelnd und wirkt wieder beschwingt. „Ich freue mich für die jungen Leute und wünsche ihnen, dass es bei ihnen gut geht.“


Über die Jahre sammelte er viele Geschichten
Martin-Max Zühlke könnte noch viele Geschichten erzählen. Er richtet sich auf in dem roten Ledersofa, das in seinem Wohn- und Arbeitszimmer steht, und zeigt auf einige dicke Fotobücher auf dem Couchtisch. Zühlke liebt es, Bücher zu machen, Erinnerungen vor allem bildlich festzuhalten. Mehr als 50 Fotobücher hat er schon hergestellt.
Unter dem Label „Legendenmanufaktur“ editierte er bereits einige Bücher über Firmen, Jubiläen und Personen als Stücke besonderer Wertschätzung. Themen sind auch die 200-jährige Familiengeschichte der Zühlkes und private Reisen, mit den Töchtern oder als Abenteurer zwischen Schweden und Ägypten. Wildwasser, Kanu, Tauchen, Wandern, Klettern, Reisen, Drachenboot-, Ski- und Radfahren: „Das sind meine Elemente, bei denen ich auftanke“, sagt Zühlke.
Und natürlich gibt es auch einige Bücher und Aufsätze über die Villa Feodora. Zühlke hat die Villa nicht nur erhalten – er hat mit wachem Blick und stets offenen Ohren auch ihre Geschichte bis ins Detail erforscht. In Archiven und auf dem Dachboden des Hauses hat er alte Baupläne, Urkunden und Briefe aufgestöbert. Er hat die Eigentums-, Miet- und Nutzungsverhältnisse rekonstruiert und Fotos aus den verschiedenen Jahrzehnten zusammengetragen.
Wenn etwas sein Lebenswerk sei, dann sei es rückblickend die Villa Feodora, gesteht sich Zühlke ein, „nach meinen Töchtern“. Doch wenn sich eine Institution fände, an die er das Haus veräußern könnte, wäre er einverstanden. Um sich zu entlasten, „so hart das klingt, aber so ist es“. Und um vor allem die Zukunft der Villa nachhaltig zu sichern.

Bornstedt soll sich mit mehr Liebe entwickeln
„Ich wünsche der Villa Feodora finanzielle Sicherheit und ein langes Leben“, sagt Zühlke. Er würde sich freuen, wenn sie ein offenes Haus bliebe: „Das ist die Geschichte der Villa, und die Villa ist ein Stück Bornstedter Geschichte.“
Und was wünscht er für sich selbst? Ans Wasser würde er gerne ziehen, sagt er, gar nicht so weit weg. Nur ruhiger und etwas beschaulicher als jetzt dürfte es sein. Bis sein Wunsch möglicherweise eines Tages in Erfüllung geht, will er in der Villa Feodora weitermachen – mit dem ihm eigenen Improvisationstalent, getreu seinem Motto „Brain statt Budget“.
Einen Wunsch hat Zühlke dann aber doch noch. Es ist ein Wunsch des studierten Stadtplaners zum Stadtteil Bornstedt. Bornstedt, sagt er, seien für ihn schöne, ländliche Ecken, die Ribbeckstraße, das Krongut, die Kirche und der Friedhof, der Schlosspark. Aber auch Wohnungsbau „wie im Legoland“ und viel Pflaster und Beton. „Die Potsdamer Straße besteht aus geflickten Einfahrten, der Johan-Bouman-Platz ist nicht viel mehr ein Parkplatz“, kritisiert er. Zühlke wünscht sich, dass in Bornstedt das Gewachsene besser gepflegt und die Entwicklung des Stadtteils mit Liebe vorangebracht wird.
Eben genau so, wie er es mit der Villa Feodora hält.
Text: Beatrix Fricke
November 2025
Die Villa Feodora im Web: https://www.feodora1912.de/
