Ute Warbein: „Mein Motto: Einfach machen!“
Mit Ute Warbein kam der Circus Montelino nach Bornstedt. Jetzt will sie noch mehr bewegen
„Mehr erleben in Bornstedt“ steht groß und bunt auf dem Schild am Circus Montelino. Dahinter Ute Warbein: mit ausgebreiteten Armen und einem strahlenden Lachen. So freundlich und zugewandt empfängt Ute die meist jungen Menschen auf dem Zirkusgelände. Und viele andere im Stadtteilladen in der Jochen-Klepper-Straße – als Mitgründerin des Stadtteil-Forums Bornstedt. „Mehr erleben in Bornstedt“: Ute lebt den Slogan – und setzt ihn mit Tatkraft um.
Ute ist Geschäftsführerin des Zeltpunkt Montelino am Volkspark. Und sie ist Krankenschwester, Ärztin, zweifache Mutter, Hundebesitzerin, Musikliebhaberin. In ihre 72 Lebensjahre passen eine Menge Geschichten. Viele handeln davon, wie Ute in ihrem Leben scheinbar Unmögliches verwirklicht und Gegensätzliches vereint. So, wie sie ganz selbstverständlich eine fein gebügelte weiße Bluse zur legeren knallgelben Hose trägt. Eine Überschrift über all diese Geschichten ist trotzdem leicht zu finden. Denn Ute ist eine Macherin – schon seit ihrer Kindheit.
Noch nie ließ sie sich aufhalten
Mit großer Offenheit erzählt Ute von ihrem Leben. „Was wäre wenn? Das kenn‘ ich nicht“, sagt sie. „Mein Motto lautet: Einfach machen!“ Schon als Kind habe sie sich von Widerständen nicht aufhalten lassen. „Ich wollte auf Bäume klettern, rannte zu schnell, schürfte mir die Knie auf, spielte mit den anderen Kindern am Teich, obwohl es verboten war“, so die 72-Jährige. „Meine Kleidung war immer schnell dreckig.“ Für ein Mädchen, das in den 1950er Jahren in und um Bonn aufwuchs, nicht schicklich, für ihre Mutter ein Fiasko. Handarbeiten sollte Ute, eine ordentliche Ausbildung machen, heiraten.
„Ich hatte immer das Gefühl, ich bin falsch“, sagt Ute. Im lockereren Vater fand Ute einen Verbündeten. Doch er starb, als sie 13 war. Immerhin hatte er noch durchgesetzt, dass Ute aufs Gymnasium kam. So konnte sie später ihren Traum verwirklichen, Medizin zu studieren.
Ein ganz anderes Leben in Berlin
Nach dem Abitur wollte Ute erstmal weit weg – und landete nach einem viermonatigen Aufenthalt in Israel 1973 in Berlin. In Steglitz machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, „das war gut bezahlt, meine Mutter unterstützte mich nicht“, und zog mit ihrem Freund in eine Wohnung in Schöneberg.
Utes Augen glänzen. „Berlin in den 1970ern, das bedeutete: Keine Sperrstunde, viel Musik, Möbel vom Trödel, nächtelange Diskussionen, Rucksackreisen nach Griechenland und in die Türkei… es war so viel möglich! Ich lernte ganz andere politische Weltbilder und alternative Lebensweisen kennen.“
1979 begann Ute mit dem Medizinstudium, „das war auch cool. Ich war stolz, mit den Jüngeren mitzuhalten“. Während des Studiums traf Ute den Vater ihrer beiden Söhne. Max ist heute 39, Florian 35.
Für ihre Söhne überwand sie die Zweifel
Ohne Max und Florian wäre Ute wohl nie in Potsdam gelandet. Das war im Jahr 2000, als Ute eine integrative Schule für ihre Söhne suchten. Max hat eine Zerebralparese, Florian das Down-Syndrom. „In der Regelschule wären sie untergegangen“, sagt Ute. „Gleichzeitig wussten meine Kinder aber genau, was sie machen wollen – da hätte auch eine Förderschule nicht gepasst.“
Für zwei Schulplätze an der Montessori-Schule in Potsdam-West zog Ute mit den Söhnen von Potsdam nach Berlin. Gleichzeitig setzte Ute damit einen Schlussstrich unter ihre Beziehung zum Vater der beiden, der mittlerweile eine Arztpraxis eröffnet hatte und stark beschäftigt war. „Unsere Welten waren so unterschiedlich geworden. Da machte ich mich los und wieder mein eigenes Ding“, sagt sie. Sie schaut nachdenklich. Es war wohl das erste Mal, dass Ute wirklich an sich zweifelte. „Es war anstrengend für mich. Ich fragte mich: Schaffe ich das allein?“
Frei sein – trotz vieler Einschränkungen
Sie schaffte es. Frühmorgens machte Ute die Söhne fertig, der Fahrdienst holte die beiden aus der Wohnung in der Gutenbergstraße ab. Dann startete Ute nach Berlin, wo sie angehende Krankenschwestern in Anatomie, Physiologie und innerer Krankheitslehre unterrichtete. Um 15 Uhr war sie zurück, um sich um Max und Florian zu kümmern.
Trotz festem Rhythmus im Tagesplan, trotz Herausforderungen durch die Behinderungen, trotz finanziellem Kalkulieren – das Familienleben gestaltete Ute so frei wie möglich. Und mit einem positiven Blick. „Ich habe Glück, Kinder zu haben, die ich nicht in ein Muster pressen kann“, sagt Ute. „Mit Max und Florian muss ich immer offen für neue Entwicklungen sein. Freundliche Hinwendung und Unterstützung, mit ihnen wachsen: Das ist der Weg.“
Ein Weg, den sie bei Montelino wiederfand, damals noch eine Zirkus AG im Hort der Montessori-Schule. Florian wollte unbedingt auf die Laufkugel, erinnert sich Ute. Und er durfte – auch wenn es zwei Jahre brauchte, bis er das Gleichgewicht halten konnte. „Bei Montelino ging es nie um Leistung“, sagt Ute. „Jeder darf sein, wie er ist.“
Menschen, Zahlen und ein Gemüsegarten
Die Zirkuspädagogik wuchs, Ute wuchs mit. Eltern hätten angerufen, um ihre Kinder bei der „Zirkusschule“ anzumelden, erzählt sie lachend. Die Zirkus AG sei regelrecht explodiert, ein neues Konzept musste her. 2003 gründete Ute mit anderen Eltern den Verein Montelino, und im Volkspark in Bornstedt wurde das erste Zelt aufgebaut. Bis 2010 stand es an wechselnden Standorten. Ute trug dazu bei, dass Montelino 2019 einen festen Platz in der Hermann-Kasack-Straße bekam – ab 2012 als Geschäftsführerin vom Circus und der 2010 gegründeten Circus-Tochter Zeltpunkt.
Heute hat der Circus Montelino fast 500 Mitglieder, die regelmäßig trainieren. Das Gebäude in Bornstedt, der „Zeltpunkt Montelino“, ist Treffpunkt und Trainingsort für die Kinder- und Jugendarbeit des Zeltpunkt mit 40 Plätzen sowie Standort der Verwaltung. Zehn Mitarbeitende gibt es – acht beim Zeltpunkt, zwei beim Circus, dazu rund 20 Trainer:innen.
Im Garten stehen das Zelt und drei Zirkuswagen. Außerdem gibt es dort einen Grillplatz, Stauden- und Gemüsebeete und ein Gewächshaus – auch darum kümmert sich Ute. Und manchmal steht sie auch im „Café Gulliver“ hinterm Tresen, dem Zirkuswagen, den man, wie den gesamten Zirkusplatz, auch mieten kann.
Der Circus ist Familie
Die Geschäftsführung des Circus Montelino hat Ute 2018 an Bileam Tröger abgegeben. Den Zeltpunkt leitet sie weiter – im Ehrenamt, weil das Geld bei Montelino immer knapp ist. Aber wohl auch, weil sie es liebt, die Kinder an diesem Ort nicht nur aufwachsen, sondern auch wortwörtlich wachsen zu sehen. „Sie beginnen zu strahlen, entwickeln, was in ihnen ist, bekommen Selbstbewusstsein“, sagt Ute und lächelt zufrieden.
Auch ihr Sohn Florian ist so ein Kind. Der Junge, der unbedingt auf die Laufkugel wollte, lernte Balancieren, Radfahren und Diabolo – nicht selbstverständlich für Kinder mit Down-Syndrom. Heute lebt der 35-Jährige sehr eigenständig. Er fährt allein zum Circus Sonnenstich, einer inklusiven Artistengruppe in Berlin, und tritt dort regelmäßig auf. Und er arbeitet auch bei Montelino – als Hausmeister. „Die Arbeit in einer Werkstatt hat ihm nicht gefallen“, sagt Ute. „Und hier wird er gebraucht.“
Kurze Zeit später ruft sie Florian. Sie bittet ihn, mit ihr Zucchini zu ernten. Gemeinsam lachen sie über die schiefen Früchte. Dann verschwindet Florian wieder im Gebäude, um dort für Ordnung zu sorgen.
An Bornstedt mag sie die Nähe zur Natur
Seit 2009 ist Ute auch privat Bornstedterin. Als ihr älterer Sohn Max mit 24 Jahren erst zum Vater zog und dann in eine Wohngruppe in Berlin, siedelte Ute mit Florian, damals 20, von der Gutenbergstraße in eine Neubauwohnung am Volkspark um. Hier leben die beiden heute als „Erwachsenen-WG“. Sie haben auch ein gemeinsames Hobby: Opernbesuche in Berlin. Ute liebt vor allem Konzerte, Florian klassisches Ballett.
„So ein Neubau ist gut, wenn man älter wird“, sagt Ute: „Es gibt eine ebenerdige Dusche, die Fenster putzen sich leicht.“ Die Hausgemeinschaft sei angenehm. Auch die Nähe zur Natur gefällt ihr. Mit ihrem Parson Russell Terrier Greta trifft man Ute zwischen den alten Bäumen im Volkspark genauso wie in den gepflegten Anlagen von Sanssouci.
„Die Infrastruktur ist in Bornstedt allerdings nicht mitgedacht worden“ kritisiert Ute. „Auch Begegnungsräume für das gemischte Publikum zwischen Sozialhilfe und wohlhabenden Einfamilienhausbesitzern gibt es noch nicht genug.“ Im 2024 gegründeten Stadtteil-Forum will sie diese und andere Themen angehen und in die Stadtverordnetenversammlung tragen. Auch setzt sie sich für den neuen Kinder- und Jugendtreff ein, der 2027 in Bornstedt realisiert werden soll und für dessen Trägerschaft sich Montelino bewerben will.
Mit großem Vertrauen Hürden überwinden
Dass sie mit ihrem Engagement hier und da anecken wird, nimmt Ute in Kauf. „Ich bin für viele zu schnell und schaffe zu viel“, sagt sie. Aber sie habe auch dazu gelernt. „Ich bin diplomatischer und weicher geworden“, so Ute über sich selbst. „Ich habe viel Kraft, bin selbstbestimmt, weiß eigentlich immer einen Weg. Diesen Maßstab kann ich nicht für andere ansetzen.“
Auch habe sie gelernt, Hilfe anzunehmen. Etwa von einer befreundeten Familie, die ihr zugesichert hat, für Max und Florian zu sorgen, wenn sie es nicht mehr kann. Der Vater der beiden ist 2024 verstorben. „Meine Freunde haben sich sogar bei mir bedankt, dass ich so viel Vertrauen in sie setze“, sagt Ute. Sie wirkt noch immer gerührt.
Zum Abschied winkt Ute nur kurz – sie ist schon wieder beschäftigt, sammelt die Kissen vor dem Café Gulliver ein. Gleich will sie sich noch mit einer langjährigen Freundin in Berlin treffen. Ob sie es rechtzeitig schafft? Das Gespräch hat lange gedauert. Ute lacht nur. „Es hat immer alles geklappt“, sagt sie überzeugt. Es ist ein Satz, der noch lange nachhallt.
Text: Beatrix Fricke
Juli 2025